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Full text: Monatszeitschrift XIV (1911 / Heft 8 und 9)

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vorhergegangenen erreicht er allerdings nicht. Der schon zuvor genannte 
Maler Daniel Freese, dessen Name von I 573 bis 1610 bei allen Ausstattungs- 
arbeiten des Rathauses wiederkehrt, suchte durch ausgiebigste Anwendung 
von Farbe noch einen höheren Trumpf auszuspielen. Er bemalt die Wand- 
und Gewölbeflächen der Laube (stark restauriert) mit Figuren und Oma- 
menten, er appliziert der formal etwas primitiv gehaltenen gotischen Balken- 
decke des Fürstensaales über älterem farbigen Dekor ein buntes Renaissance- 
gewand mit unzähligen Porträtmedail- 
lons und ornamentalem Beiwerk, das 
im ganzen genommen dekorativ derb 
wirkt, im einzelnen aber der Verfeine- 
rung entbehrt. - All diese Erschei- 
nungen, zu denen sich eine Menge 
anderer schmückender Beigaben gesellt, 
zeigen, in welch hohem Maße gerade 
jenes Gebäude die künstlerischen 
Niederschläge verschiedener Jahrhun- 
derte aufnahm, in welchem die Ge- 
schicke der Stadt gelenkt wurden. Auch 
spätere Zeiten suchten in ihrem Sinne 
der alten Pracht und Herrlichkeit gleich- 
zukommen. Der „HuldigungssaaP, von 
dem aus Kurfürst Georg Ludwig, der 
nachmalige König von England, 1706 
den Erbhuldigungseid der Bürgerschaft 
entgegennahm, sowie der Traubensaal 
sind Schöpfungen des Spätbarocco. 
Ihnen fehlt indes sichtlich jener starke 
Untergrund materieller und politischer 
Art, der früher Träger kraftvoll blühen- 
der Kunst war. Natürlich haben die 
Jahrhunderte auch am Äußeren des 
stattlichen Baues mannigfache Ver- 
änderungen hervorgebracht, vom Ursprünglichen manches weggenommen 
(so zum Beispiel die den fünf Hauptpfeilern der Front entsprechenden 
fünf Türme), manches Neue angefügt. Das letztere ist das am wenigsten 
Erfreuliche. 
Wo im Bürgerhause und der Stelle, an der sich das Bürgertum sicht- 
lich verkörperte, das Blühen eines Gemeinwesens so kräftig zum Ausdruck 
kam, weisen natürlich auch die Stätten religiösen Zweckes eine dement- 
sprechende Ausbildung auf. Ihre Rolle im Stadtbilde ist eine hervorragende 
gewesen, ist es zum Teil noch, trotzdem auch da mancher Verlust sich ein- 
gestellt hat, hauptsächlich durch das künstlerisch unfruchtbare Puritaner- 
tum der Reformation. 
 
Abb. 71. Rathaus zu Lüneburg, Detail aus der 
„Neuen Ratsstube"
	        

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