MAK

Volltext: Monatszeitschrift XIV (1911 / Heft 8 und 9)

- 499 
Der Totenschild für Oswald von Schrofenstein ist ein Schnitzwerk von 
ungewöhnlicher Schönheit in der Komposition, zugleich von meisterhafter 
Technik. Den-Fond der Rundtafel nimmt wie üblich das Wappenschild des 
Verstorbenen ein. Es wird bekrönt von einem Spangenhelm mit dem 
steigenden, freirund aus der Bildfläche hervortretenden Steinbock der 
Schrofensteiner und umrahmt von der elegant geschwungenen Helmdecke, 
die noch mehr als irgendeiner der Grabsteine die charakteristischen Blatt- 
buckeln aufweist. Um das eigentliche Bildfeld läuft ein aus gotischen 
Blättern gewundener, reich durchbrochener Kranz mit denselben stilistischen 
Eigentümlichkeiten und um diesen die Inschrift in Minuskeln. Die Virtuosität, 
mit der das Geranke der Helmdecke und des Blattkranzes modelliert und 
unterschnitten ist, spricht entschieden dafür, daß Meister Sebald in erster 
Linie Holzbildner war und daß wir ihn nach seinen Steinmetz- und Bild- 
hauereiarbeiten durchaus nicht in seiner wirklichen Bedeutung bewerten 
können. Ob sich auf Grund des Totenschildes des Oswald von Schrofenstein 
und der Steinbildnereien noch weitere Holzschnitzwerke Bocksdorffers fest- 
stellen lassen, muß einstweilen dahingestellt bleiben. jedenfalls läßt es die 
Bedeutung des Meisters wünschenswert erscheinen, auch in der Altarkunst 
Tirols Umschau nach Werken seiner Hand zu halten. 
Wer den Grabsteinschatz Tirols, Österreichs und Altbayerns eingehend 
betrachtet, wird sich der Anschauung nicht verschließen können, daß der 
Behandlung gewisser Einzelformen, wie der Zeichnung der Wappenschilde, 
der Zattelung der Helmdecken, der Modellierung und dem Querschnitt der 
Blätter, etwas Monogrammatisches anhaftet, das nicht selten die Zuweisung 
einzelner oft vielleicht sehr bescheidener Arbeiten an einen bestimmten 
Meister gestattet und rechtfertigt, wie 
ich dies bei Wolfgang Leb und Jörg 
Gartner schon früher versucht habe. 
Wir erkennen daraus oft genug den 
Handwerkscharakter der mittelalter- 
lichenKunst. In diesemSinne erscheinen 
auch Bocksdortfers Grabplatten von 
Wilten, Stams und Landeck von um so 
größerem kunstgeschichtlichen Werte 
als frühe und bescheidene Arbeiten ei- 
nes Meisters, der in dem reichen Denk- 
mal des Christoph vonTruchseß inNeu- 
stift sein Bestes und zugleich seinem 
Lande eines der schönsten Bildwerke 
vom Ausgange des Mittelalters gab. 
Das Ferdinandeum in Innsbruck 
besitzt unter andern Grabsteinen drei Abb. 15. Holzrelief der Vertreibung aus dem Para- 
große Platten von rotem Marmor,  dies (Germanisches Nationalmuseurn in Nürnberg). 
_ _ Nach einer photographischen Aufnahme aus dem 
für die Blldnerkunst des ausgehenden Verlage von Christoph man", Nürnberg 
 
64'
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.