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fullscreen: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 133)

hard saß und auch urkundete", nie Fuß fassen 
können - gegen Eberhard und dessen Anhänger 
mit Androhung von Kirchenstrafen verging, ließ 
Eberhard durch den Generalvikar und Offizial 
Johannes von Reisberg" beim päpstlichen Stuhle 
appellieren": 1. habe sich Berthold seine Ver- 
setzung (von Freising nach Salzburg) beim Papst 
erschlichen; 2. sei Salzburg eine Regularkirche, 
Berthold aber Weltgeistlicher, daher könne er 
de iure nicht dahin versetzt werden, und 3. hät- 
ten sich Kapitel, Prälaten, Klerus, Vasallen, Bür- 
ger und die anderen Untertanen bereits gegen 
Berthold und für Eberhard ausgesprochen. Am 
13. Jänner 1406 endlich widerrief Papst Inno- 
zenz Vll." die Verfügung seines Vorgängers 
Bonifaz IX., versetzte Berthold nach Freising zu- 
rück und verlieh an Eberhard von Neuhaus, der 
schon seinerzeit trotz des päpstlichen Vorbehal- 
tes vom Domkapitel zum Erzbischof gewählt 
worden war, unter Kassation dieser Wahl das 
Erzstift. 
Nicht unwichtig scheint in diesem Zusammenhang 
die Tatsache zu sein", daß Papst Innozenz Vll. 
(Cosma de' Migliorati) selbst durch einen vom 
König von Neapel, Ladislaus von Aniou, geför- 
derten Aufstand der Römer 1405 gezwungen 
worden war, nach Viterbo zu fliehen, und erst 
im darauffolgenden Jahr nadn Rom zurückkeh- 
ren konnte. Auch hatte er sich während seiner 
Regierungszeit gegen den Gegenpapst Bene- 
dikt (Pedro de Luna) zu behaupten, der erst 
1409 durch das Konzil von Pisa und nochmals 
1417 durch das Konzil von Konstanz als „Häre- 
tiker und Schismatiker" abgesetzt wurde. 
An der Skulpturengruppe des Salzburger Dom- 
museums ist nicht zu übersehen, daß die Schul- 
tern des Bischofs durch einen Teil des zu ihm 
herüberreichenden Mantels des Papstes bedeckt 
werden. Diese „rubea cappa" des Papstes" be- 
ziehungsweise die Bekleidung damit ist beson- 
ders dafür wichtig, den rechtmäßigen Antritt 
des Amtes gewiß zu machen. Auch in der 
abendländischen Kaiserkrönung war die Umhül- 
lung mit dern Mantel wesentlicher Bestandteil 
des Rechtsaktes des Krönungszeremoniells. Da- 
bei nahm der Papst den „Electus" unter seinen 
Mantel als Zeichen der Berufung zum Amt und 
auch der Annahme des Amtes durch den Ge- 
wählten. Würde man also etwa die Salzburger 
Skulpturengruppe als eine „Ehrenstatue", als 
ein „Erinnerungsdenkmal" für die rechtmäßige 
Investitur von Erzbischof Eberhard durch Papst 
Innozenz Vll. betrachten, wäre daraus auch die 
sonst ungewöhnliche Tatsache erklärt, daß hier 
ein Bischof als Rongniedriger rechts vom Rang- 
höheren thront. 
Zu der an der Skulpturengruppe des Salzburger 
Dommuseums weiter auffälligen Tatsache, daß 
durch den Gestus der Hände das auf den Knien 
liegende Buch so betont wird - daß nicht etwa 
die Übergabe des Palliums oder eine Segens- 
gestik dargestellt wurde -, schafft ein Streit um 
die Besetzung der Stadtpfarre zu Salzburg Klar- 
heit. Am 13. Juni 1364" investierte der Salzbur- 
ger Erzbischof Ortolf van Weißeneck den Dom- 
herrn Reichgar von Rottau" mit der Stadtpfarre 
zu Salzburg, während aber durch Papst Inno- 
zenz Vl. bereits Bernhard von Losenstein" pro- 
vidiert gewesen war. In dem daraus resultie- 
renden Streit stellte Reichgar von Rottau aus- 
drücklich festi", daß die Investitur eindeutig und 
richtig erfolgt sei, und zwar „per librum, ut mo- 
ris est". 
Auf Grund aller dieser Überlegungen scheint es 
mir doch möglich, für die ikonographische Be- 
schreibung dieser Skulpturengruppe des Salz- 
burger Dommuseums folgende Annahme zur 
Diskussion zu stellen: Der rechtmäßig regieren- 
de Papst Innozenz Vll. investiert rechtmäßig den 
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gewählten Eberhard von Neuhaus zum Erzbi- 
schaf von Salzburg. Das Thronen der beiden ist 
Ausdruck der rechtmäßigen Machtvollkommen- 
heit beider, die Umhüllung mit dem Mantel ist 
das Zeichen der Berufung zum Amt und der 
Annahme dieses Amtes durch den Gewählten; 
auch erfolgte die Investitur durch den Papst 
oder dessen Beauftragten mit der Übergabe des 
liturgischen Buches, so „wie es Sitte ist". Wahr- 
scheinlich waren auch am Sockel - wie es bei 
den päpstlichen Ehrenstatuen üblich war - die 
(geschnitzten) Wappen der beiden Dargestellten 
angebradwt gewesen. 
Auch sind gewandhaltende kleine Engel auf mit- 
telalterlichen oder neuzeitlichen Ehrenstatuen 
die legitimen Nachfolger antiker Eraten. So 
kann angenommen werden, daß man im Akt der 
rechtmäßigen Verleihung des Salzburger Erz- 
stiftes an Eberhard von Neuhaus, der dann bis 
1427 regierte, durch Papst Innozenz Vll., dem 
so viele Kämpfe vorausgegangen waren, ein 
ganz bedeutendes staatspolitisches Ereignis sah 
und daß zur Erinnerung an dieses Ereignis 
diese „Ehrenstatue" geschaffen worden ist. 
Nun würde aber diese Thematik einer „Kathe- 
dralplastik" doch einen Aufstellungsort an einer 
monumentalen Stelle einer Bischofskirche und 
nicht in einer Vikariatskirche - Wagrain wurde 
erst 1857 zur Pfarre erhoben - eines kleinen 
Gebirgsdorfes bedingen. Zum einen war die 
Skulpturengruppe vor 1892 wie einige andere 
ältere Skulpturen auch in der heutigen Wagrai- 
ner Pfarrkirche vorhanden, da sie zu diesem 
Zeitpunkt „in zweiter Verwendung" der rneogo- 
tischen Einrichtung zugesellt wurden. Zum ande- 
ren ist zu bedenken, daß Wagrain als Patron 
der Kirche den heiligen Rupert hat, der auch 
Bistumsgründer und Patron der Salzburger Diö- 
zese ist. In Verbindung mit dem heiligen Virgil, 
einem von Ruperts Nachfolgern und dem Er- 
bauer des ersten Domes, war Rupert auch in 
den Außenskulpturen des Hochaltares von 1764 
(mit der Madonna in der Mitte) dargestellt, 
was auf eine ältere Bildtradition schließen lößt. 
Zum dritten schließlich waren es gerade Mit- 
glieder des Salzburger Kapuzinerklosters, die 
immer wieder im ersten Viertel des 17. Jahr- 
hunderts, besonders in den Jahren 1613114", 
in dem fast ganz protestantischen Wagrain eifrig 
Miss'onen hielten. Das durch Wolf Dietrich von 
Raitenau gegründete Salzburger Kapuzinerkla- 
ster am lmberg war nicht zuletzt auf Grund der 
Ordensregel dankbarer Abnehmer für „altvate- 
rische" und daher billige oder gar geschenkte 
Einrichtungsgegenstände aus dem 1602103 durch 
diesen Erzbischof abgebrochenen mittelalterli- 
chen Dambau; als Beispiel möge nur der erst 
vor einem Jahrzehnt entdeckte hochgotische Kru- 
zifix (nun auch im Dommuseum) oder die pracht- 
vollen spätgotischen Portaltüren an der Kloster- 
kirche dienen. So würde also an die Möglichkeit 
zu denken sein, daß über das Salzburger Kapu- 
zinerkloster unsere Skulpturengruppe als „Petrus 
und Rupert" und als gegenrefarmatorisches Zei- 
chen nach Wagrain gelangte, letztlich aber doch 
aus dem Salzburger Dorn stammte. 
Und hier im mittelalterlichen Salzburger Dom- 
bau war eine Anbringung der „Ehrenstatue" 
durchaus am Platze, und zwar wohl einzig und 
allein in der sogenannten Annakapelle", dem 
nördlichen Querhaus. Hier, vor dem Annenaltar, 
befand sich das Hochgrab des Eberhard von 
Neuhaus, hier stiftete er für den Annenaltar 
am 4. April 1411 eine tägliche Messe und am 
5. Jänner 1417 einen ewigen Jahrtag, hier ließ 
Eberhard auch das neue „Sacramentshäußl" er- 
richten, wie aus der Urkunde vom 2. Dezem- 
ber 1411" hervorgeht. Vielleicht bringen im Gang 
befindliche Arbeiten zur archivalisdlen Erschlie- 
ßung der Inneneinrichtung des mittelalterlichen 
Salzburger Domes" noch weitere Aufschlüsse. 
Zusammenfassend darf aber gesagt werden, daß 
für die Annahme einer „Ehrenstatue" für Papst 
Innozenz Vll. und Erzbischof Eberhard von Salz- 
burg und ihre ehemalige Aufstellung in der 
Annenkopelle des Domes zu Salzburg viele Tat- 
sachen sprechen würden. 
Anmerkungen 11-37 (Anm. 11-23 s. Text S. 211 
" Abbildun in; Hans Weigert, Gotische Plastik in Europa, 
Frankfurt Main, 1962, S. 179. 
"Jahn Pape-Hennessy, ltalian Gathic Sculpture, London, 
1955, Tafel 63. 
" Jahn Pope-Hennessy, a. a. O., S. 204. 
"Werner Hager, Die Ehrenstatuen der Päpste, Diss. Univ. 
Basel 1927 : Band 7 der Römischen Forschungen, hrsg. 
van der Bibliotheca Hertziana, Leipzig, 1929, S. . 
" H. Möbius, Über Form und Bedeutun der sitzenden 
Gestalt in der Kunst des Orients und er Griechen, in: 
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Institutes 
Athen, 41, 1916 (Berlin, 1927), Heft 3. 
"Percy Ernst Schramm, Das Herrscherbild in der Kunst 
des frühen Mittelalters, in: Vorträge der Bibliothek 
Warburg, 192203, Leipzi , 1924. 
"Hans Wagner und Her ert Klein, Salzburgs Damherrn 
van 1300 bis 1514 (im folgenden zitiert „Domherrn"), 
in: MGSLK, 92, 1952, S. 1-81, hier Nr. 116 auf S. 63. 
"Dazu und auch zum folgenden: Hans Widmann, Ge- 
schichte Salzbur s, ll, 1909, S. 205-208. 
1' Damherr, a. a. ., S. 42-43, Nr. 66. 
"Alfred Wretschko, Zur Frage der Besetzung des erz- 
bischätlichen Stuhles in Salzburg im Mittelalter, in: 
MGSLK, 47, 1907, S. 189-303. 
1' Widmann, a. a. O., S. 205-208. 
n Hubert Strzewitzek, Die Sippenbeziehun en der Freisin- 
gerzßäsctiöfe im Mittelalter, München, 1 38, hier S. 239 
is 4 . 
13 Regesl bei Wretschka, a. a. O. 
1' Wir wissen aus den zwisdlen 1403 und uns ausgestell- 
ten Urkunden, daß der „erwählte" Eberhard von Neu- 
haus während dieser ganzen Zeit in Salzburg regierte 
und auch, wie aus der in Anm. 27 genannten Bulle von 
Inndozenz Vll. hervorgeht, „sein Redlt mit Waffen ver- 
tei i te". 
ßDom errn, a. a. O., S. 57-58, Nr. 103; war 1429-1441 
Erzbischof. 
" Orig.-Urk. im HHStA Wien. 
1' Orig.-Urk. im HHStA Wien. 
"Lexikon für Theologie und Kirche, 1. Auflage, 5, 1933, 
Sp. 414 beziehungsweise 2. Auflage, 5, 1960, Sp. 691. 
"Eduard Eichmann, Weihe und Krönung des Papstes im 
Mittelalter : Münchener Theolo ische Studien, lll. (Ka- 
nanistisdte Abteilung, 1. Band, gtünchen, 1951, S. 33-35. 
Ferner: E uard Eichmann, Die Kaiserkrönung im Abend- 
land, 2 Bde, Würzburg, 1942, hier I. S 194 
"' Orig-Urk. im HHStA Wien. 
" Damherrn, a. a. O., S. 60, Nr. 108. 
" Damherrn, a. a. O., S. 37-38, Nr. 55. 
1' „Regesta diplamatum ecclesiae Salisburgensis" : Hand- 
schrift Böhm Nr. 358 des HHStA Wien; die zitierte Stelle 
auf fol. 681. 
"Dazu Joseph Dürlinger, Historisch-statistisches Handbuch 
von Pongau, Salzburg, 1867, S. 71. 
15 Franz Pagitz, Quellenkundlidtes zu den mittelalterlichen 
Damen und zum Domkloster in Salzburg, in: MGSLK, 
105, 1968, S. 21-156. 
1' Alle drei zugehörigen Originalurkunden im HHSIA Wien. 
" Franz Wagner, Zu Ausstattung und Einrichtung von 
Querhaus, Charus maiar und Chorus minar im spät- 
mittelalterlichen Salzburger Dorn; die Arbeit. 
F] Unser Autor: 
Franz Wagner 
Postfach 11 
5163 Mattsee
	        
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