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Volltext: Monatszeitschrift XIV (1911 / Heft 10)

harten Flächenton. Die Farben prallen, statt harmonisch ineinanderzuklingen, heftig an- 
einander. Und ein solcher Bodenbelag verbreitet, statt ruhevolle Basis zu sein, unlustige 
Unruhe. 
Gute Leistungen begegnen, besonders in den Sälen einer Barmer Fabrik, auf dem 
Gebiet der Kopie: Alte Gobelinteppiche mit Volutenwerk oder der stilisierten Vegetation 
des mattgrünen Rankengezweigs, der Verdure; Cremefonds des XVIII. Jahrhunderts 
mit zart verlöschenden Rosen, mit Streublumen und mild sprießendem Resedagriin; Perser 
mit Jagd- und Tierdarstellungen nach erlesenen Vorbildern. Der Apricotiiaum und 
die dumpfe Glut der Originale ist freilich unnachahmlich. Doch ist viel erreicht, ein 
gesammeltes Lüster voll inneren Feuers durch Wollmaterial und Farbe zu schaffen, jenen 
verschleiert leuchtenden Glanz statt aufdringlichen Gleißens. 
Besonders interessieren natürlich die Webereien nach modernen Entwürfen. Die 
Schmiedeberger Manufakturen zeigen eine große Zahl von Teppichen nach den Zeich- 
nungen dekorativer Künstler. Leider enttäuscht das meiste. 
Von Kleinhempel sieht man eine tütenblaue Quadratfelderung mit grünen Kränzen 
und Rosen, scharf und schneidend. A. O. Krüger bringt eine grüne Gittermusterung mit 
einem gelb-rosa-grünen Gemüsebeet, Paul Troost einen Fond aus grünlinigen Karos, darum 
eine braun-gelbe Bordüre mit roten Rosen durchwirkt, dazu ein Mittelrundschild: auf 
schwarzem Grund ein Kranzomament in Lehmgelb und im Zentrum rote Rosen lila 
umwunden. 
Zwei anonyme Vorleger, der eine viereckig, der andere oval, variieren ein gleiches 
Motiv: schwarzer Fond umrandet mit einer weißen rosendurchilochtenen Staketrnusterung. 
Etwas exzentrisch, etwas nach Boudoirdärnonie und erotischer Messe noire schmeckend, 
aber farbig gut gestimmt. Mehrere Entwürfe von Bruno Paul: der eine hellblau im Grund- 
ton mit einem staubiggrauen schwarz urnzogenen Kreis in der Mitte und Eckzwickeln mit 
trübgelben Rosen. Das ist ein Tepich der Hypoebondrien und Verdrießlichkeiten für Tage 
des Unmuts. Giftgrün der andere, komponiert aus konzentrischen Quadraten, und im dunklen 
Fond ein gelber Blätterkranz mit grünen Ausstrahlungszacken - als Zeichnung und 
Flächenkomposition wenigstens von geschlossener Haltung. 
E. R. Weiß sucht einen Effekt mit einem rosa-oliv-grünen gelb zwitschernden 
Blumenstück - einer „Leipziger Allerlei" -Terrine - in weißem Fond, und maskeradenhaft 
spielt er die Modeweise von x86o in dernTeppich, schiefergrau mit steifstrohigen Astern und 
himbeerlila und rosa Blütenwerk. Es scheint, daß unsere Künstler erlindungserschöpft ihren 
Geschmack preisgeben, nach neuen exzessiven Sensationen um jeden Preis suchen und als 
nouvelle volupte etwas bewußt betreiben, was man pikante Geschmacklosigkeit nennen 
könnte. F. P. 
ERLIN. DIE NEUERWERBUNGEN DER NATIONALGALERIE. 
Die Nationalgalerie zeigt den Zuwachs der letzten zwei Jahre in einer mit vomehmem 
Sammlergeschmack inszenierten Ausstellung in den Räumen der Akademie am Pariser Platz. 
Diese Schau ist voller Anregungen und bringt viele Überraschungen. Aber nur aus dem 
Vergangenheitsgebiet. Was von Lebenden oder Gegenwärtigen angekauft wurde, eine 
Nichtigkeit von Albert Hertel, eine mäßige Schifferstudie von Hugo Vogel, das saloppe Bild 
von Hans Looschen, das so unecht koloristisch posiert, und manches andere steht auf 
niedrigem Niveau. Und wenn man dagegen den reifen Geschmack und die oft raffinierte 
Feinschmeckerei der Auslese in den Werken der älteren Kunst, die unsere Museumsleitung 
sich klug schenken ließ oder selbst erwarb, vergleichend beachtet, so merkt man wohl, dal] 
die unsichtbar im Hintergrund wirkenden Femrichter und Inquisitoren mit der Macht in 
Händen dem Neuesten den Zugang wehren. Bei der patinierten Kunst vergangener Perioden 
hat der Direktor und sein Geschmacksstab freiere Hand, wenden sie den gleichen Sinn auf 
das Heutige an, so hemmt sie das ketzerriechende Tribunal der Landeskunstkommission. 
Beim ersten sind sie frei, beim zweiten sind sie Knechte.
	        

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