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Metadaten: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 3)

Delaunes Entwürfe sind wohl kleinteiliger und kälter, betonen 
aber das Obszöne in vielem noch mehr, vor allem durch stark 
utrierte Haltungen der Figuren. E. Vico bringt vor allem ganz 
dünn gezeichnete Phantasiearchitekturcn mit einer Unzahl klei- 
ner oft witziger Figuren, die den verschiedensten Tätigkeiten 
obliegen. 
Eine neue Wendung tritt am Beginn der zweiten Hälfte des 
16. jh. ein durch die Verbindung der Groteske mit einem ganz 
anderen Dekorationssystem: der Maureske. Dieses von den isla- 
mischen Pflanzenrnnkenkompositioncn übernommene System ist 
betont ilächig und in seiner Wirkung betont linear. Die Maureske 
widerspricht in ihrer Art jeder räumlich gerichteten Bildung und 
ist demnach den Grundprinzipien der Groteske fremd. Und doch 
gehört es, wie etwa. bei P. Flötncr, zu den fruchtbarsten Bildun- 
gen des 16. jh. auf dekorativem Gebiet, diese beiden Formen 
miteinander zu verbinden. Das Gesamtsystem wird dabei vor 
allem aus der Groteske übernommen, während die einzelne 
Pilanzeniorm nun der Maureske entstammt und daher auch viele 
Knoten- und Verschlingungsfiguren übernimmt. 
Neben dieser Neuerung bringen aber niederländische Stecher, 
vor allem C. Bos und C. und  Floris die letzte Extremiorm der 
Phantastik und Surrealistik der Groteske in ihren Rahmenkom- 
positionen mit eingesperrten Figuren. Diese Entwürfe haben 
nichts Pflanzliches mehr an sich, sie wirken räumlich und be- 
stehen oft aus asymmetrischen, komplizierten Rahmenkonstruk- 
tionen, die manchmal wie phantastische Wagen gebildet sind, die 
aber trotz ihrer Räder nicht fahren können, weil sie an einigen 
Stellen [estgerammt sind. In diese Rahmen sind Figuren eingesetzt 
und eingesperrt, angeschmiedet oder sonst wie in ihrer Bewegung 
gehindert. Die ganzen Kompositionen, die im Figuralcn viel 
Dcrbhciten und Obszönitäten zeigen, sind voll von Bewegungs- 
mögliehkeiten, die im einzelnen immer wieder unmöglich ge- 
macht werden. Das Ergebnis ist trotz aller Lächerlichkeit der 
einzelnen Szenen ein schauerlichcs Bild der Sinnlosigkeit. 
Der deutsche Ornamentstecher L. Kilian findet am Beginn des 
l7.]h. eine weitere Exlremform nicht so sehr auf dem Gebiet 
des grotesken „Raume? wie dem der Figuren durch merkwür- 
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Abb. 7. Wanddekoration von _].A.Duceroeau.Frankreich, 16. Jahr- 
hundert. 
dige, der realen Körperlichkeit widersprechende knorpelartige 
Bildungen, die eine ins Schreckhafte und Komische gehende Ver- 
zerrung der menschlichen und tierischen Figur darstellen und 
die in den meisten Fällen zu Mischwesen ausgebildet werden. 
Die letzte große Summe des ganzen Systems wird von einem 
gezogen, der zu den bedeutendsten unter allen dekorativen 
Künstlern gehört: von jean Berain d. Ä. Seine großen Wand- 
felder bestehen in der Grundstruktur aus einem symmetrischen 
Bandsystem, das an vielen Stellen, besonders am Rand orna- 
mental fast flächig gebildet ist und Zusammenhänge mit der 
Maureske aufweist, gegen die Mitte zu aber wieder zum quasi- 
architektonischen Gebilde wird, zum „Raum" für Figuren und 
Szenen. Der szenische Charakter ist sogar so stark, daß in den 
meisten Blättern die Mitte aus einer kleinen Bühne für eine 
theatralische Szene besteht. Auch in diesen Entwürfen gibt es 
noch die Mischwcsen und auch die Eingekerkerten. Aber die 
realistische Bühnenligur überwiegt. So findet die Groteske in 
diesen Entwürfen, die selbst wieder Ausgangspunkt für die Wand- 
dekorationen des späten Barocks bilden, zu ihrem Ausgang in 
der Theaterabbildung wieder zurück. 
Alles das stammt aus den unterirdischen Räumen, die - einst 
Prunkräume der römischen Kaiserzeit - von den Gelehrten 
und Künstlern der Renaissance mit viel Begeisterung ausgegra- 
ben wurden. In diesen Gewölben fanden die Künstler lebendige 
Szenen mit realen und unrealen Figuren. wirklichkeitsgetreuen 
und kühn entworfenen Architekturen. Aus der Illusion dieser 
Bilder schufen sie in ihren Dekorationen eine phantastische Welt. 
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