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Volltext: Monatszeitschrift XV (1912 / Heft 2)

Vollkommenheit, mit welchem seine neueren Arbeiten den praktischen Bedürfnissen der 
Auftraggeber, der guten Benutzbarkeit, dem wohnlichen Behagen entgegenkommen, kann 
natürlich in einer solchen Schaustellung von Zeichnungen und Photographien nicht geur- 
teilt werden, es sprechen nur die zahlreichen Aufträge dafür; hingegen ziehen insbesondere 
jene Seiten seiner Betätigung an, die ein Hervortreten persönlicher Eigenart in den Raum- 
lösungen, in der Flächenbehandlung, in der Materialsprache erkennen lassen, wie dies 
etwa bei seinem so reizvollen Bau der Troppauer Handels- und Gewerbekammer in 
erfreulichster Weise der Fall ist und auch an der Bielitzer Kirche auftritt. 
In diesen Leistungen liegt etwas, was man unbedingt als „modern" in bestem Sinne 
ansprechen kann und als wahrhaft künstlerisch empfindet, gerade weil man dabei die 
Einheitlichkeit der konstruktiven und formalen Elemente - unabhängig von „unwesent- 
lichen Äußerlichkeiten" - herausfühlt, während man wieder bei andern Objekten mit der 
"äußerlichen" Anwendung von erprobten und überkommenen Motiven das Gefühl nicht 
los wird, daB diese Bauten in ihrer äußeren Erscheinung nicht immer ganz von innen 
herausgewachsen sind, sondern daß vieles eben diesen Traditionen zuliebe geopfert 
wurde, daß Kompromisse geschaffen sind. Sicherlich gibt es Fälle, wie den Um- und 
Ausbau alter Schloßanlagen, die Einfügung von Neubauten in historische Platzbilder, wo 
eine Annäherung an Bauformen, die einer älteren Kulturperiode angehören, begründet ist 
und ja oft gefordert wird. Ebenso sicher ist es ja auch, daß die wahre Originalität nicht in 
der Anwendung irgendeiner formalen Eigenheit besteht. 
Daß aber neue Kulturformen, neue Konstruktionsmittel, neue Ideen und neue prak- 
tische Bedürfnisse, kurz die Errungenschaften einer neuen Zeit auch zu neuen Ausdrucks- 
formen in der Baukunst drängen, das kann wohl ernstlich nicht mehr in Frage gestellt 
werden. 
Nur dort, wo bei einer bestimmten praktischen und neuen Aufgabe durch die best- 
mögliche Erfüllung des Gebrauchszweckes, der Benutzungsmöglichkeit, durch die Anwen- 
dung der besten und geeignetsten Konstruktionen und Vorkehrungen, durch die beste 
Ausnutzung der Lage ein Bauwerk entstand, in dem trotz aller technischen und praktischen 
Rücksichten und über sie hinaus die persönliche Eigenart einer künstlerischen, starken 
Individualität zum Ausdruck kam, nur dort kann von einem Kunstwerk gesprochen werden, 
dem Bedeutung innewohnt, gleichgültig ob es konventionellen Anschauungen entspricht 
oder nicht. Die Annäherung an vorhandene Lösungen älterer Perioden, in welchen die 
Lebensbedingungen und -formen doch andere waren wie heute, wird viel leichter den 
allgemeinen Beifall finden als die Schaffung neuer Gestaltungen, die sich erst einzuleben 
haben. 
Die größte Entwicklungsmöglichkeit, die höchste Leistungsfähigkeit wird aber sicher 
öfter auf dem steilen und einsamen Pfade der Selbständigkeit als auf dem breiten und 
gangbaren Wege der Konvenienz erreicht. 
Die führenden Menschen sind stets ihre eigenen Wege bis zu Ende gegangen. Die 
besten Leistungen aller Zeiten sind oft auch am lautesten angegriffen, am gründlichsten 
mißverstanden und sehr oft auch erst von der Nachwelt gewürdigt worden. Sie sind eben 
immer zu „modern" gewesen. 
Das war ja auch stets die Ursache, warum alle jene, die sich zur Führerrolle nicht 
opfermütig genug fühlten, der Tradition vor allem huldigten. Auch sie können Tüchtiges, 
Wertvolles, aber nichts Fortreißendes vollbringen. Feine Talente sind auch unter ihnen 
zu finden und viele Künstler des Erfolges. Ganz besonders aber gilt dies für die Baukunst, 
die einen großen Ballast kunstfremder Bedingungen mitzuschleppen hat. Sie braucht be- 
sonders starke, auf sich selbst ruhende Persönlichkeiten, die zugleich zielbewußt sind und 
etwas Eigenes zu sagen haben.
	        

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