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Volltext: Monatszeitschrift XV (1912 / Heft 3)

Der Kunstverlag Schroll hat dies in weitem Umfang unternommen und sich in Bau- 
rat Ivekovic einen sachkundigen und begeisterten Fachmann gesichert, der an die histo- 
rischen Zusammenhänge und wissenschahlichen Probleme ein eingehendes Studium 
wendet. Man sieht der weiteren Entwicklung dieses weitgreifenden Unternehmens mit um 
so größerem Interesse entgegen, als die Erschließung des Landes Fortschritte macht. So 
eilt die künstlerische Wertschätzung diesmal der wirtschaftlichen Hebung voran; es ist zu 
wünschen, daß die eine Aktion auf die andere fördernd und belebend wirken möge; daß die 
Aufnahme des künstlerischen Inventars unnötige Zerstörungen verhindern und neue Bau- 
projekte in ersprießliche Bahnen lenken möge, die nicht rücksichtslos hohe Werte ver- 
nichten. Hartwig Fischel 
UTER UND SCIlECl-ITER GESCHMACK." Gleichmäßige, umfassende 
Bildung kann auf ein Buch über guten und schlechten Geschmack leicht verzichten. 
Das ganze Wesen und gesamte Empfinden eines harmonisch entwickelten Menschen sträubt 
sich gegen Geschmacklosigkeiten. Das Unbehagen, das ihn erfaßt, sobald er derartigen 
Dingen begegnet, wird zum verläßlichen Regulator seines ästhetischen Urteils. Aber wie 
viele Menschen erfreuen sich einer harmonischen Bildung? Eine schöne Ausgeglichenheit 
der Bildungselemente finden wir heute fast nur mehr bei geistig hochstehenden, feinsinnigen 
und seelisch vornehmen Frauen. Arbeitende Männer sind in der Regel Fachleute und 
daher vom Hause aus nach strengeren Begriffen nicht wahrhaft gebildet. Das heißt, sie 
haben für dieses oder jenes große, geistig bedeutungsvolle Gebiet des Kulturlebens kein 
Verständnis. Daß zu diesen Gebieten sehr oft das ästhetische Empfinden zählt, wird 
niemand leugnen; und daß wir diese Lücke in unserer allgemeinen Bildung eingestehen, 
darf schon als großer Fortschritt gelten. Wir haben es bereits einsehen gelernt, daß uns 
dadurch eine reiche Quelle unzähliger Lebensfreuden vertrocknet ist. Seit mehr als vierzig 
Jahren bemühen sich Ästhetiker, namentlich in England und Deutschland, anregend und 
aufklärend zu wirken. Man kann aber nicht behaupten, daß nach dieser Richtung bereits I 
genug geschehen ist. Es ist daher zu begrüßen, wenn ein Mann, der sich berufsmäßig mit 
solchen Fragen beschäftigt, eine Anleitung zu geben versucht, nach welchen Grundsätzen 
eine richtige Bewertung des Schönheitsgehaltes speziell auf jenem Gebiete, das beständig 
unser Urteil herausfordert, auf dem des Kunstgewerbes, erfolgen soll. Es wird ja solches 
angelemte Empfinden immer eine unverläßliche Stütze gegenüber der unendlichen Mannig- 
faltigkeit ästhetischer Probleme bilden, aber daß verstandesmäßige Erwägung die ärgsten 
MißgriEe und Irrtümer als solche hinzustellen und daraus allgemeine Grundsätze abzuleiten 
vermag, daIl sie unser ästhetisches Denken einer systematischen Schulung unterwirft, dal] 
sie für zahlreiche, oft schon zur Gewohnheit gewordene Ungereimtheiten die Augen öffnet, 
darüber kann kein Zweifel sein. Als methodischer Denker, als der sich Pazaurek stets 
erwiesen, gliedert er sein Material in systematischer Weise. In drei großen Abschnitten 
bespricht er die Materialfrage, die Zweckform und Technik und endlich Kunstform und 
Schmuck. jederAbschnitt enthält wieder zahlreicheUnterabteilungen, und diese wohltuende 
Gliederung erleichtert die Benutzung des Buches in hohem Grade. 
Besonders angenehm berührt die Unbestechlichkeit des Verfassers gegenüber 
modernen Schlagworten. Das zeigen unter anderem seine Ausführungen über „Schönheit 
der Maschine", ein Schlagwort, das in den letzten Jahren in vielen Köpfen Unheil angerichtet 
hat. Pazaurek lehnt es entschieden ab, der reinen Nutzform Schönheit zuzubilligen. Er zitiert 
unter anderem bei diesem Anlasse den feinen Vergleich von P. Ree: „Seine Pllicht tun 
und seine Pflicht gerne tun sind zwei ganz verschiedene Dinge, und diese Verschiedenheit 
ist es, welche die handwerklichen und kunsthandwerklichen Dinge voneinander scheidet." 
Und am Schlusse sagt er: ebenso wie gesunde Menschen noch nicht schöne Menschen zu 
sein brauchen, so sei es auch in der Kunst. 
' Gustav E. Pazaurek, Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe. Stuttgart und Berlin, xgu, 
Deutsche Verlagsanstalt.
	        

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