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Volltext: Monatszeitschrift XV (1912 / Heft 3)

Sehr deutlich tritt des Verfassers gesundes, vernünftiges Urteil auch gegen eine 
andere Forderung der letzten Zeit auf, gegen den Ruf: „Los vom Ornament!" Als Reaktions- 
erscheinung ist dieser Ruf begreiflich und vollkommen zu billigen, als Prinzip aber 
verwerflich, und er zitiert dabei ein treHliches Urteil von Alexander Gleichen-Rußwurm: 
„Gesuchte, leere Einfachheit kann ebenso abstoßen wie aufdringliche, überladene Pracht." 
Seine klaren, eindringlichenAusführungen begleitet derVerfasser mitzöölllustrationen, 
um dem abstrakten Gedanken sofort ein konkretes Beispiel hinzuzufügen. So ist denn diese 
mit Fleiß und großer Literaturkenntnis durchgeführte Arbeit ein Werk, dem nur weite 
Verbreitung zu wünschen ist. J. Folnesics 
IÜVANNI BATTISTA PIRANESI." Als sechster Band der von Dr. Herrmann 
Voß herausgegebenen „Meister der Graphik" erschien eine gründliche Arbeit über 
Piranesi. Ein reiches lllustrationsmaterial (63 Tafeln) begleitet einen Text von x25 Quart- 
seiten, der mit Liebe und Sachkenntnis ein sehr interessantes kritisches und bio- 
graphisches Material über den so merkwürdigen Künstler und sein Werk vereinigt. 
Leider ist das biographische Material durch den Mangel an ausreichenden Quellen 
weniger reich ausgefallen als das kritische. Daß der Verfasser ein sehr eingehendes 
Vorstudium trieb, beweist seine Kritik der Quellen, die er vorausschickt. Daß er die strenge 
Methode gewissenhafter Sachkritik nicht von persönlichen Sympathien abhängig macht, zeigt 
seine gleichmäßige Teilnahme für alle Perioden, seine genaue chronologische Übersicht 
aller Werke und deren eingehende Besprechung in einer Reihe von Kapiteln, die nach den 
Hauptwerken gruppiert sind. Die temperamentvolle Persönlichkeit des Künstlers und die 
bewegte Zeit, in der er lebte, geben einen romantischen Hintergrund, der dazu beiträgt, 
die Eigenart des phantasievollen Architekten und Maler-Radierers zu verstehen. Durch die 
Brille seiner faszinierenden Darstellung haben viele Generationen heranwachsender 
Architekten die römische Kunst erblickt, deren Verherrlichung das Lebenswerk Pira- 
nesis war. 
Interpretiert von der großzügigen, durchaus persönlichen Auffassung des Meisters hat 
der Geist seiner Zeit - jene Mischung von antiker Größe und barocker Phantasie - 
auf viele spätere Baukünstler Einiiuß ausgeübt. Es ist noch nicht lange her, da gehörten 
diese Blätter zu den wichtigen Stuclienbehelfen heranwachsender Künstler, wofür wieder- 
holte Neuausgaben und Reproduktionen Zeugnis ablegen. Damals war das Dargestellte 
wichtiger als das Wie der Darstellung. 
Heute, in unserer, den historischen Bildungsgang der Baukünstler immer mehr 
ablehnenden Zeit, in der die Lichtbilder und technischen Aufnahmen das exakteste Studien- 
material verbreitet haben und in der die Verkehrsmittel das Reisen so erleichtern, in 
unserer raschlebigen Gegenwart tritt der wissenschaftliche und didaktische Wert Pira- 
nesis immer rnehr zurück. Hingegen wächst das Interesse am persönlichen Künstlertum, 
am Graphiker, wie am Phantastiker. Jene Zeit, die papierene Architektur in so großem 
Maßstab und so ganz anderem Sinne trieb, als dies in der Zeit des Konkurrenzwesens 
geschieht, jene Zeit hat eben auch dort, wo sie nur mit dem Pinsel oder dem Griffel baute, 
Bedeutendes und Bleibendes hinterlassen. 
In diesem Sinne ist das Studium des vorliegenden Buches nicht nur für Kunst- 
historiker von Interesse. Es öEnet der Wertschätzung des Künstlers wieder neue Quellen 
und sorgt für neue Freunde, die heute nur einen ganz andern Standpunkt einzunehmen 
haben werden wie die älteren. 
Ein Künstler von der Qualität Piranesis wird immer anziehend und anregend bleiben, 
wenn auch das Gegenständliche seines Werkes veränderten Wertbegriffen begegnet. 
Darum kann ein Buch über den Künster Piranesi, wenn es so tüchtig ist wie das 
vorliegende, warm begrüßt werden. H. Fischel 
" G-iovanni Battista Piranesi, von Alben Giesecke. Verlag von Klinkhardt d: Biermann, Leipzig.
	        

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