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Volltext: Monatszeitschrift XV (1912 / Heft 5)

KLEINE NACHRICHTEN 50' 
BERLINER SEZESSION 1912. Die diesjährige Frühlingsausstellung der Berliner 
Sezession, die in Abwesenheit des leidenden und im Süden weilenden Lovis 
Corinth vom Bildhauer August Kraus am Donnerstag eröffnet wurde, zeigt ein sehr bunt- 
scheckiges Gesicht. Um dem Vorwurf der Intoleranz oder, was schlimmer, der Rückständig- 
keit zu begegnen, hat man diesmal Junges und Jüngstes bereitwillig eingelassen und 
Experimentatoren und Theoretikern die Tore weit geöffnet. 
So sieht es in dem Eingangssaal fast aus wie in der Neuen Sezession oder im 
Blauen Reiter, der letzten ,,futuristischexpressionistischen" Vereinigung. 
Es hat etwas Bedenkliches, daB sich die malerischen Sippungen jetzt immer gleich 
tendenziös programmatische Fahnennamen geben. Etwas Pedantisches liegt darin, die 
jungen Maler kommen sich dabei revolutionär vor, aber im Grunde machen sie sich selbst 
zu Kunstbeamten und verschwören sich einer engen Tabulatur. 
' Danach schmeckt es vor allem bei den Kubisten, die ihre Bilder als mathematische 
Zusammensetzspiele komponieren. Sie dehnen dies eckige Flächenspiel der Polygone 
sogar auf das Bildnis aus. 
Und wenn man vor so einem Porträt, das sich etwa "Dame im schwarzen Hut" nennt, 
aus lauter Dreiecken zusammengesetzt ist, steht. so denkt man unwillkürlich, auch wenn 
man neuen Versuchen gegenüber billige Witzelei vermeiden möchte, an jene Zeichnung 
vom pythagoräischen Lehrsatz, die mit einiger Nachhilfe eine menschliche Figur darstellt. 
Dann begegnet, von der Neuen Sezession her bekannt, die ethnographische Note. Max 
Peehstein, die stärkste Begabung des Nachwuchses, zeigt seine brandigen, schwefelgelben 
und feuersbrünstigen Farbenstücke, in denen das Figurale nur Mittel ist, koloristische 
Flächen gegeneinander auszutrumpfen. Heuser und Huber bringen in zwei verwandten 
Bildern religiöse Extasen der Prophetie und Verkündigung. Barbarisch wild wirken sie, 
rnalaienhaft in ihrer Streitigkeit, an heulende und tanzende Derwische denkt man. Und 
eine Kreuzigung von Zeller scheint aus der Vorstellung eines Negers empfangen zu sein, 
wie Gauguin die christliche Legende, freilich mit überzeugenderer Ausdrucksstärke, ins 
Tahitanische übersetzte. 
Das war Paul Gauguin, der aus Paris auf die Südseeinsel floh; hier trifft man einen 
Pola Gauguin, dessen Selbstbildnis interessiert: im gelben _Ton, in einen Kuttenkittel 
gehüllt, von jungen, trotzig kniffligen Zügen, wie sie auch der Schauspieler Alfred Abel 
seinen Masken gibt. 
Dieser Gauguin jeune wohnt in Kopenhagen, und aus Dänemark kommt diesmal 
auch noch anderes Merkwürdige. Harald Giersing rnalt eine Aktversammlung der Modelle 
mit unterstrichen schwarzen Umrissen, mehr Geometrie als Leiblichkeit. Seine Bild- 
nisse, der I-Ierr im Pelz, tierisch felltupfig, und der junge Mann mit Pfeife, haben etwas 
Somnambules, als würden sie sich gleich in Rauch, zu Schatten und Schemen auflösen; und 
Willumsen in seinen Eindrücken von Sevilla, l-Iellgrün gegen Blau mit starrenden Palmen, 
legt über seine spanischen Schlendertypen einen Hauch von huschenden Mittags- 
gespenstern. 
Von jüngeren Franzosen sind zu nennen l-lenri Manguin (ein Frauenbild von 
milchigem l-Iautton zum schwarzen Haar); Albert Marquet mit seinem Strand in wischig 
verwehten Sandtönen, darin pikant die rot-weißstreifigen Zelte und der hölzerne grüne 
Laufsteg; Louis Valtat mit seinem Gartenausschnitt, als Stilleben aufgefaßt, in spritzigen 
Farben, gelbweiß, beinahe salathaft; Piet Serton mit einer Sommerlandschaft aus sanft sich 
hebenden und senkenden Gebreiten, samtig gelb gefaßten Felderungen, in die Blumen- 
Höre gebettet sind. Eine eigentümliche Erscheinung für sich ist Henri Rousseau 
(rB44-xg1o). Dieser Tote erscheint mit einer ganzen Kollektion. Alles in Flächenmanier, 
bewußt primitiv, die Landschaften wie Kulissen, die Figuren wie Oblaten, manches 
macht den Eindruck als wäre es auf Blech gemalt in seiner kalten Glätte.
	        

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