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Volltext: Monatszeitschrift XV (1912 / Heft 10)

seine zeichnerischen Variationen über Themen E. A. Poes vertraut ist. Aus solchen Kreisen 
ist hier das Totentanz-Capriccio im Marionettenstil: die aufgehängte Puppe mit der Zerr- 
fratze des Erdrosselten und der langhängenden Zunge (an die Pierrot Lunaire-Verse denkt 
man dabei: 
Und er schützt den Henkersknoten, 
Schmückt den Hals sich mit der Schlinge _ 
Und mit ausgestreckter Zunge 
Hängt er zappelnd wie ein Karpfen 
In des Mondes weißer Robe . .  
Und daneben die Mannequins mit den Kokottenhüten über den Knochenschädeln, 
die mit Besen aufeinander losschlagen. 
Am vielseitigsten produziert sich Rik Wouters. Er wendet in seinen Stilleben eine 
spritzfleckige Technik an, die an den nässenden Ausschlag auf feuchtem Mauerwerk in 
dem dumpffahlen Blau, Grün und Rot erinnert. Vor allem seine Champignons von stumpf 
braungelbem Samtton kommen dabei malerisch ausdrucksstark heraus. Dann zeigt er sich 
weniger interessant kubistlsch mit vergewaltigten Frauenköpfen und verrenkten Akten. 
Dekorativen Reiz haben seine Porträte, die weich und duftig und dabei doch mit physio- 
gnomischer Charakteristik auf dem blumigen Hintergrund verblaßter Rosentapeten 
schwimmen. l 
Dazu kommt noch eine Gauguinhaft ethnographische Note, wenn er mit scheinbar 
ungefügem gelb und blauem Strichgeprassel einen Küstenstrich bildet oder Baum- und 
Strauchgruppen mit lagernden primitiven Gestalten. Neutraler wirken Smeers mit seinen 
Pleinairbildern, Waegemann mit Positionsstudien der Ballerinen, von Desgas beeinflußt, 
und Oleffs düstere Radierung der Häfen und Grachten, vor allem ein Stück Brügge, 
Bruges la morte, durch einen schwarzdämmernden Brückenbogen gesehen. 
Eine sehr anregende Veranstaltung ist die Schultesche Ausstellung „Stätten der 
Arbeit" geworden. Es war eine glückliche Idee, zu zeigen, wie die Maler das Volk bei der 
Arbeit aufsuchen und aus dem Täglichen künstlerische Werte herausholen. Und besonders 
fesselnd, daß so vielseitige Temperamente hier versammelt sind, neben dem ältesten 
Meyerheim mit einer verniedlichenden Miniature der Glashütte der Revolutionär und 
Liebermann-Fresser Nolde von der Neuen Sezession. Er bringt keine Impression, eher 
eine feuerspeiende Vision vom Hamburger Hafen: Wellen, die aufgepeitscht im Gischt 
zischen, daraus Schilde, mit dem Buge sich bäumend wie Drachen, und wie Kanonen aus 
Schlünden durchglühten Rauch ausschleudernd. Und tobend, brüllend auch das Furioso 
der HolzeinschiEung mit den tobsüchtigen lila und roten Gäulen, die ins Meer hinein- 
stieben. In diesem Bild siedet's und wirbelt's, man hat davor ein ähnliches Gefühl, als wenn 
einen in Sylt bei Seegang die fletschende Welle stürzend überstößt und quirlend umdreht. 
Ein anderer von den Jungen, Fr. Heckendorff, bringt Motive von dem Spreetunnel in 
einer aufgemörtelt farbigen Form; die kloßigen Erdschollen, das pralle Lehmgelb der 
Stollenwände, darüber die Steilreihe der starrenden Galgen, an denen die elektrischen 
Monde hängen. Weiter sieht man von ihm einen Holzplatz, an dem ihn wohl das Gelb- 
geschichtete der Bretter in wechselndem Lichtspiel und im blaustreifigen Schatten der 
Schuppen reizte. 
Überhaupt sucht man außer der oft behandelten Welt der Häfen, Hütten und Eisen- 
bahnen neue Reviere und frische Stoffe zu neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Solch frischen 
Stoff findet R. Hummel in der Brauerei. Er stellt das Laboratoriumgetriebe mit Kesseln, 
Rohrgestängel, Treibriemen, Eisenleitem in einer Atmosphäre gasiger Heißluft einge- 
wickelt dar. Emil Büttner wählt sich den Buchbindersaal mit dem farbig aufgebauten Boll- 
werk der Bogen, schwarze Maschinen und heller Falzrnädel, Fritz Gärtner den Packsaal, 
blank von Eisen und Glas und darin auf den Pflücken dickzöplig die weißen Garn- 
strähne. Überwiegend bleibt aber doch die ältere Welt der Maschinen, der Essen und der 
Schlote.
	        

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