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Volltext: Monatszeitschrift XV (1912 / Heft 11)

Körper der beiden Nürnberger Heiligen völlig in den Gewandmassen und 
der unmotivierten Faltenfülle unter. Bei den Tratzberger Aposteln herrscht 
hierin viel mehr Gesetzmäßigkeit, Begründung und weise Mäßigung, die 
nicht zum wenigsten die Größe der Gestalten bedingen. Sie decken sich 
auch hierin mit den Tiberiasbildern und wie schon oben erwähnt mit dem 
Katharinenaltar. Semper behauptet, „die schreitende Fußstellung des heiligen 
Paulus und des heiligen Johannes Evangelista ist ganz die nämliche"."' 
Hierin geht er entschieden zu weit, denn bei dem Nürnberger Heiligen ist es 
vielmehr ein Stehen, bei dem Tratzberger Paulus ein Ausdruck ent- 
schlossener Bewegung, die durch den wesentlich anders gestellten, auf dem 
Ballen sich erhebenden linken Fuß veranschaulicht wird. Und diese diffe- 
renzierte Fußstellung beider Figuren wirkt motorisch in den ganzen Körpern 
nach, als statuarische Ruhe in dem zahmen heiligen Johannes, als Energie 
in dem temperamentvollen heiligen Paulus. Daß bei dem dargelegten Unter- 
schied an ein Abhängigkeitsverhältnis des Nürnberger Johannes von dem 
Tratzberger Paulus gedacht werden müßte, wie Semper annimmt, erscheint 
mir nicht wahrscheinlich." Semper setzt dementsprechend die Nürnberger 
Tafeln nach 1475 an, als Arbeiten eines älteren Gehilfen des Friedrich 
Pacher. Ich halte sie in ihrer Faltenfülle, in ihrem eckigen Gebaren, in dem 
wenig von Innenleben zeugenden Gesichtsausdruck für älter, und zwar für 
Werke aus der Zeit um 1470, die sich unmittelbar an jene zweite oben 
behandelte Gruppe Friedrich Pacherscher Art, und zwar als deren beste 
künstlerische Schöpfung anschließen. In ihnen ist noch derselbe formale 
Geist wach, der aus dem Barbaraaltar spricht. 
Es lag nicht in der Absicht dieser Untersuchung, alle einschlägigen, 
sondern nur einige der wichtigsten Werke in ihrem Verhältnis zu dem 
St. Peter- und Paulsaltar zu betrachten. Der mehrfach von Semper mit der 
Tratzberger Haupttafel in Beziehung gesetzte Dreifaltigkeitsaltar bei Pacully 
in Paris dürfte seiner ausgesprochen venezianischen Haltung halber aus 
diesem Zusammenhang vollkommen ausscheiden. 
Der Zyklus der Tiberiasbilder beansprucht, wenngleich wir ihn nur 
nach den Photographien beurteilen können, in dem Kreise der Pacher, vor 
allem Friedrich Pachers, eine hervorragende Stelle. Freilich schulden uns die 
Photos die farbige Wirkung und Haltung. Aber immerhin wird man aus der 
Art der Lichtführung und aus der Stimmung der landschaftlichen Ausblicke 
auf eine nahe Verwandtschaft mit der koloristischen Haltung von Werken 
aus der Hand und Werkstatt Friedrich Pachers schließen dürfen. Bei der 
Bedeutung des Zyklus wäre es freilich für die kunstwissenschaftliche For- 
schung sehnlichst zu wünschen, daß er in seine Heimat zurückkehre und 
mit den übrigen Teilen des Altars wieder zu einem Ganzen vereinigt würde. 
Über dem Eingang zur Peter- und Paulskirche beim Jöchlsthurn in 
Sterzing befindet sich ein stark beschädigtes Fresko mit einer auf einem 
"' Semper, 2. a. O. S. 244. 
'" Semper, a. a. O. S. 24g.
	        

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