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Volltext: Monatszeitschrift XV (1912 / Heft 11)

Eine Korsettfabrik baut eine Dunkelkammer wie ein Cafe du Neant auf und stellt 
darein schokoladefarbene Puppen, und ein merkwürdiges Ornament, „nur zur Schau", sind 
auch die auf dem Korsettrand aufgesetzten plastischen l-lermelinköpfe, die sich, wenn das 
Kleid darüber kommt, als Wülste an sehr merkwürdiger Körperstelle markieren müßten. 
jahrmarktsmäßig ist der Stand eines großen Pelzgeschäites, das sein kostbares 
Material an Puppen vor dem schludrig gemalten Prospekt eines Theaterraumes zur 
Ansicht bringt. 
Schlimme dekorative Orgien triEt man auch sonst in dieser Branche. Eiszapfen aus 
Stoff lappen, Eisblöcke aus Pappe mit transparenter Schrift, Vogelwiesen-Polarlandschaüen 
mit Mitternachtssonne. 
Ein Herrenmodegeschäft produziert sich als Wachsfigurenkabinett, eine mondäne 
Bar soll vorgeführt werden, aber die „Gents" tragen unmögliche Bärte, fertige Krawatte, 
eingesteckte Röllchen und Faltenhemdbrüste zum Abendausschnitt. 
Gut ist das große Glashaus eines Seidengeschäftes mit seinen rieselnden Farben- 
weben der Stoffe. Sie sind mit feinem Gefühl sinfonisch abgestimmt zu grünen und 
blauen Harmonien, und ihre Wellen werden aufgenommen und klingen zusammen mit 
den Tönen farbiger Perlenketten, chinesischer Poterien, dunkler Bronzen, gelber 
Hatternder Orchideenrispen. Das ist ein Stück angewandter Kunst mitten im Barbaren- 
land. Und daneben hält sich auch der Schauraum für Kosmetik, mit seiner juwelierhatten 
Vitrine, um die ein zierliches Mannequin in lachsfarbenem, mit weißen Perlen gesticktem 
gerafften Überkleid herumwandelt, und das außen etwas düstere Gehäuse eines 
Schmuckgeschäftes, dessen schwarz ausgeschlagene Wände aber einen wirkungsvollen 
Rahmen für die lichten hellsamtig gefütterten, tief eingebauten Schaukästen und ihrem 
schimmernden Inhalt ergeben. 
Der Katalog, der stolz anhebt „nun steht das Werk vollendet", spricht appellierend 
von der Mühe und Fleiß, den diese Veranstaltung erforderte. Der Kritiker hat sich nur an 
die Resultate zu halten. Und wenn man dieser Kritik ihre zu hochgegriffenen Maßstäbe 
vorhält und sagt, daß es sich nicht um Luxus hier handelt, sondern um das biedere mittlere 
Handwerk, so könnte man erwidern, um so schlimmer, wenn sich das biedere Handwerk 
in Talmi-Eleganz gefällt. Und auf den Vorwurf, es wäre ungerecht, hier „angewandte 
Kunst" zu verlangen, hier handle es sich um „praktische" Dinge, würde ich antworten: 
Es scheint mir sehr wenig praktisch, eine Ausstellung von Objekten aus der Geschmacks- 
sphäre in einer überwiegend geschmacklosen Einkleidung vorzuführen. 
Mit einer bedeutsam modern-historischen Ausstellung eröffnet Paul Cassirer den fünf- 
zehnten Jahrgang seines Hauses. Große vorteilhafte Raumveränderungen geben ihm ein 
neues Gesicht. Ein weiter Oberlichtsaal beherrscht jetzt das Parterre und der hinzu- 
genommene erste Stock bringt eine Reihe kleinerer Kabinette, beleuchtet durch das den 
Bildern zugewandte und gegen den Betrachter abgeblendete Röhrenlicht, sowie den von 
Alfred Gold geleiteten Salon für Graphik. Alles von schmucklosester sachlichster Einfachheit, 
neutralsandfarben die Wände bespannt und die Wirkung lediglich durch die Werke. 
Cassirer schrieb in seiner temperamentvollen Art selbst eine Einleitung zum Katalog 
dieser Ausstellung. Er sagte darin, daß man seinen Salon den impressionistischen nenne 
und fügt hinzu: „1898 bedeutete dies Schimpfwort Revolution. 1912 ist es wieder ein 
Schimpfwort und bedeutet Reaktion." Mit dieser Ausstellung zeigt er dann, wie es hier 
jenseits der Worte nur darauf ankommt, in der Kunst die Qualität zu erkennen und sich zu 
ihr zu bekennen. So brachte er eine in einer solchen wertvollen Fülle kaum erhörte Ver- 
sammlung von Meistern der letzten hundert Jahre zusammen, große Franzosen und große 
Deutsche, dazu der jüngere Nachwuchs der Sezession. Ganz unsystematisch scheinbar, 
ohne historische Gruppierung gehängt, einzig auf die malerische Wirkung des schön 
gemalten Bildes hin. Und gerade dadurch anregend und voll besonderer Ausblicke. 
Manet und Courbet erscheinen als Ahnherren. Von ersterem sind die Badenden in 
ihrem weich lebendigen Hautton und die Bar in den Folies Bergeres mit ihrer prickelnden
	        

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