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Volltext: Monatszeitschrift XV (1912 / Heft 12)

blickend schuf, Vergangenes zu neuem Leben erwecken wollte, so steht auch Rahl ganz 
auf dem Boden klassischer Kunst. Trotzdem hat sein Wirken für seine Zeit bahnbrechenden, 
mitreißenden Einßuß ausgeübt, und mit dem Absterben dieser Periode Fiel auch er in 
Vergessenheit. 
Es ist ungemein lehrreich zu sehen, wie weit zurückliegend das große energische 
Wollen dieses ernsten Künstlers heute erscheint, wenn man es mit dem eng begrenzten 
Wirken Alts vergleicht, der stets an die Natur direkt angeschlossen blieb. 
Während Rahl in Wort und Tat, agitatorisch und schaffend, ins Weite wirkte und 
seine Zeitgenossen begeistert hat, wurde der stille und intime Alt bis in sein spätes Alter 
nicht nach Gebühr geschätzt. Ein Menschenalter nach Rahls Tode wurde seinem Alters- 
genossen Alt erst die verdiente große Anerkennung zuteil, und es war eben jene Gene- 
ration, die Alt auf ihren Schild erhob, welche über die Zeit- und Weggenossen Rahls den 
Stab gebrochen hat. 
Der Zufall der Gedächtnisausstellungen bringt diese beiden Künstlerschicksale in 
ihrem auffälligen Gegensatz zur deutlichen Erinnerung. 
So hat man mehr noch als das Wirken des Einzelnen - das Walten tief wirkender 
Kräfte, den Einüuß großer Zeitströmungen auf die Kunst zur Anschauung gebracht. 
KLEINE NACHRICHTEN 50- 
ERLIN. OSTASIEN IN DER BERLINER AKADEMIE. Die ostasia- 
tische Ausstellung, die zwar schon im Oktober eröffnet, aber jetzt erst vollständig 
und übersichtlich katalogisiert sich darbietet, ist einzig in ihrer Art. Sie zeigt im Gegensatz 
zu vielen Vorgängerinnen eigentlich zum erstenmal in bewußter Demonstration, daß es 
sich bei der künstlerischen Kultur des fernen Ostens nicht ausschließlich um die dekorativ 
angewandten Zier- und Kleinkünste handelt, sondern um die reinen und großen Werke der 
Malerei und Plastik. 
Und in ihnen übertrifft das Ahnenland China das nachfolgende und nachahmende 
Japan durchaus. 
Diese Auffassung streng auslesender Kennerschaft bestimmte die Richtung dieser 
Ausstellung und gab ihr das ungewöhnliche Gesicht. 
Es spricht am stärksten in dem Nischensaal, in dem in den kleinen rotpfostigen 
graugespannten Kojen, wie in Kapellen, in der Gesellschaft uralter grünsprenklig patinierter 
Räuchergefäße und blaßleuchtender Brokate die chinesischen Heiligenbilder hängen. Sie 
haben eine mystische Gewalt der Farbe und der visionären Form, die erregend packt. An 
byzantinische Legenden auf Goldgrund denkt man vor ihnen, mehr aber noch an die 
fahlgrünen verdämmernden Verwesungstöne Grecos. 
Aus Wolkenzügen ballen sich Gesichte; eine Gestalt gleitet, gleichsam rieselnd, ein 
Astralleib, zur Materialisation zusammen und löst sich dann nach unten in luftigen Wellen- 
bändern wieder auf. Tiefschimmernde Emailtöne, ein metallisches Grün vor allem, geben 
den Bildern ekstatische Inbrunst, und das Grau-Verschwebende auf andern Malereien, 
zum Beispiel der betende Buddha vor dem Berg mit seinem schattenhaften Gebilde, wirkt 
wie die Halluzination eines Gottschauers. 
Als Zeichen herber großer Frühkunst stehen unter diesen hängenden Wandbildern, 
den Kakemonos, chinesische Bronzen von größtem Wurf in der Formgebung, Tempel- 
glocken, Vasen, Räucherurnen. Eigentümlich voll reicher Fülle der Nuancen blüht ihre 
tief dunkelglühende metallische Haut. 
schöpferische Gewalt oHenbaren die Skulpturen aus Holz. Die hockende Porträtiigur 
in den weich und voll zur Umrahmung sich rundenden Falten des talarartigen Gewandes 
mit dem Rundkopf (ein wenig an den sarmatjschen Typ unseres großen Menschendarstellers 
Paul Wegerer erinnernd) hat die Lebenskraft stärkster Florentiner Plastik. Und seltsam an
	        

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