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Volltext: Monatszeitschrift XVI (1913 / Heft 1)

wird, zeigt eine für jene Stilepoche auffallende 
Weichheit und runde Fülle der Formen, von der 
freilich bis zum Illusionismus des Kinderkörpers im 
Barockstil noch weit ist (Abb. 22). 
Der Sockel dieses Standbildes ist auffallender- 
weise nicht ligural, sondern mit reich durchbroche- 
nem, kräftig aufstrebendem Laubwerk verziert. 
Vergleicht man das Ethos der drei großen 
Statuen im Schrein, so legt einem die Erinnerung 
an viel beschrittene Gedankengänge jener Epoche 
die Vermutung nahe, daß hier die wesentlichen 
Typen der vier Temperamente zusammenfassend 
dargestellt seien. Während die Mittelfigur in ihrem 
freundlich-gelassenen Wesen die Lebensstimmun- 
gen des Phlegmatikers und des Sanguinikers zu 
vereinigen scheint, drückt die Petrusstatue ganz 
augenscheinlich das Wesen des Cholerikers, die 
Christophorusdarstellung ebenso deutlich das Wesen 
des Melancholikers aus. Sollte es ein Zufall sein, daß 
die raufenden Buben zu Füßen des Cholerikers, 
die musizierenden Engel zu Füßen des Sanguinikers 
und die stilisierten Disteln, auf denen der Melancho- 
liker wandelt, genau mit dieser Auffassung kon- 
gruieren? 
Von den Engelknaben, welche die Christo- 
phorusstatue Hankieren, scheint der unterste links 
eine (verloren gegangene) Laute mit der Linken an 
die Brust zu drücken, während die rechte Hand 
Abb a6 mm u Griffe macht (Abb. 23). Er steht im Chorrock (mit 
„, d„c,'is„,'phc,uf,ische rötlich gestreiftem Kollare) und langem, am Boden 
auffallendem Untergewand ruhig da und neigt den 
lockigen Kopf mit einem fast schmerzlichen Ausdruck um Mund und Augen 
ein wenig zur Seite. (Die Nasenspitze fehlt, die Zehen des rechten Fußes sind 
ergänzt.) Ein Meisterstück virtuosester, die Schwierigkeiten spielend überwin- 
dender Schnitzarbeit ist diese linke Hand (die polierte rechte scheint ergänzt 
zu sein), an der durch das einfache schräge Absetzen der Schnittüächen das 
Geäder markiert ist. (Höhe 39' 5 Zentimeter, Augen weiß und schwarz, Lippen 
rot bemalt.) 
Zu seinen Häupten hat ein Dudelsackpfeifer (Abb. 24) Platz gefunden, 
dem die Anstrengung des Blasens, die sich in den geblähten Backen und 
den steilen Stirnfältchen über der Nasenwurzel manifestiert, einen beinahe 
komischen Ausdruck verleiht. (Höhe 40 Zentimeter, Rücken Bach; Pupillen 
schwarz, rote Lippen, Kollare rot gestreift, rötliche Ärmelsäume.) Ein paar 
kräftige Züge markieren auch hier die Gewandbehandlung: vom Gürtel und
	        

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