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Volltext: Monatszeitschrift XVI (1913 / Heft 1)

Typus mit dem „rundlicheren, volleren Gesicht, den weich behandelten 
Wangen und breiter Stirn" ist derjenige der Frauenköpfe unseres Altarwerks. 
An der Bildung der Männerköpfe hebt Tönnies das langgestreckte 
Gesicht, die breite und niedrige Stirn und die flache Schädelwölbung hervor, 
über die selbst die reiche Lockenfülle nicht hinwegtäuschen kann. Das 
Gesicht läuft von dem stark betonten Jochbein zum Kinn auffällig spitz und 
mager zu. Die Nase erscheint lang, die Kummerfalte von der Nase zum 
Mund fehlt fast nie und läßt den oft erwähnten, melancholischen, bekiimrnerten 
Ausdruck von Augen und Mund noch schärfer hervortreten. „Die Haare 
sind bei den besten Arbeiten des Meisters mit der größten Liebe durch- 
gebildet und besonders die reichen Locken seiner jugendlichen Köpfe sind 
Meisterstücke der Schnitzkunst. In luftig durchbrochener Arbeit bei oft 
großartig erfundener Anordnung schlingen sich freigearbeitete Lockensträhne 
kunstvoll ineinander, so daß der Eindruck eines solchen Lockenschwalles, 
trotz der stilisierten Auffassung des Details, vollständig naturwahr und 
lebendig erscheint." 
Auch diese Züge stimmen aufs genaueste mit den stilistischen Merkmalen 
überein, die wir bei der Beschreibung des Altars beobachtet und hervor- 
gehoben haben. ' 
Wenn wir nun der Autorschaft Tilmann Riemenschneiders am Kefer- 
markter Altar näher-treten und uns fragen, an welcher Stelle des künstlerischen 
Entwicklungsganges des großen Würzburger Bildschnitzers das mächtige 
Altarwerk etwa einzuordnen sei, so fällt unser Blick sofort auf die drei 
berühmten Altäre im Taubergrund, die, wie der unsere, vollständig 
unbemalt in Lindenholz geschnitzt und an deren einem auch die Augen, 
Lippen und einzelne Verzierungen an den Gewandungen farbig angegeben 
sind. f Die Entstehungszeit dieser drei Altarwerke, des Marienaltars in der 
Hergottskirche zu Creglingen, des heiligen Blut-Altars in der Pfarrkirche 
zu St. Jakob in Rothenburg und des heiligen Kreuz-Altars in der Pfarrkirche 
zu Detwang fällt in die jahre 1495 bis 1505, das ist also die Zeit, in welche 
die Entstehung unseres Altars anzusetzen uns sowohl durch äußere Gründe 
(Baugeschichte der Kirche von Kefermarkt) als durch innere Gründe (sichere 
Datierbarkeit des modischen Reiterharnisches St. Georgs) nahegelegt wird. 
Der Altar von Kefermarkt ist weit größer noch als der größte dieser drei 
Altäre, der Creglinger, der in der Höhe zirka 7 Meter, in der Breite bei 
geöffneten Türen zirka 3'5 Meter mißt; er kann also unmöglich die eigen- 
händige Arbeit eines vielbeschäftigten Meisters sein (auch wenn keine inneren 
Gründe dagegen sprächen), sondern setzt eine bedeutende Werkstatt voraus, 
wie sie Tilmann in jenem Dezennium tatsächlich besessen hat; im Zunftbuch 
der Würzburger St. Lukasbruderschaft sind I 501 zwölf Lehrlinge verzeichnet, 
die bei ihm in Arbeit standen." Der vollständige Verzicht auf farbige Fassung 
" Am Creglinger Alur. Sie waren es jedenfalls auch an den beiden andern, die heute leider mit einer 
dunklen Firnisschicht überstrichen sind. 
" Tönnies, a. a. 0. S. 16 (T.
	        

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