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Volltext: Monatszeitschrift XVI (1913 / Heft 1)

KLEINE NACHRICHTEN 5th 
ERLIN. ZEICHNENDE KÜNSTE DER SEZESSION. Diese fünfund- 
zwanzigste Ausstellung der Sezession ist von großer Vielseitigkeit des Alten und des 
Neuen. 
Eine außerordentlich packende Kollektion Daumiers gibt ein Abbild dieses großen 
Visionärs der Wirklichkeiten. Seine Studie „Die Kritiker im Theätre francais" ist ein 
frappantes Blatt Comedie humaine: aus dem Dunkel wälzt sich geballt als Masse diese 
Gruppe, so muD sie dem Schauspieler von oben erscheinen, eine Gruppe aus dem Tartarus, 
das vielköpiige Ungeheuer. Der Waggon dritter Klasse mit den durcheinandergerüttelten 
apathischen Figuren, die Halle zum Bahnhof St. Lazare mit den hastenden Reisenden, 
darunter einem I-Iarpagon, sie sind wie Szenen menschlichen Marionettenspiels, und immer 
denkt man bei diesen Wirklichkeitsausschnitten, die in so seltsamem kosmischem Zwielicht 
schweben, an Balzac. Merkwürdig wirkt das Aquarell „der Fleischer"; wie der im Kaftan 
mit dem Messer bei dem blutigen Tierkörper steht, das hat etwas Shylokhaftes. 
In einer besonderen Rolle wird Menzel vorgeführt. Er erscheint nicht in der herben 
Strenge großer Arbeit, sondern onkelhaft gemütlich, plauderlustig, wie in seinen Briefen an 
den Freund, den Regimentsarzt; zeichnerische Gelegenheitsgedichte bringt er, Gratulations- 
karten, Improvisationen, Situationsspiele: eine Dame im Reifrock auf dem Bahnhof, die 
Arche Noah, aus der ein Regenschirm auftaucht, und die interessante Studie zum 
predigenden Schleiermacher mit seinem mild-schlauen Angesicht. Eine Illustration zu dem 
Bibelwort könnte es sein: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben. 
Fesselnd sind die Reihen zeichnerischer Blätter von Bildhauerhänden. Das ist so 
recht aus dem Geist dieser Ausstellung heraus, die Einblicke in die Prozesse künstlerischen 
Schaffens geben will, die in Werkstatt und Skizzenbuch sehen läßt. Ernst Barlach stellt 
seine Lithographien zu seinem Drama „Der tote Tag" aus. Zu dumpfen Lebensmomenten 
verschütteter Menschen sieht man hier die Gestalten im Bilde, dunkel schattenhaft. Und 
deutlich erkennt man an ihnen Barlach, den I-lolzbildner. Auch bei der Zeichnung auf dem 
Stein bleibt er in der ihm eigentümlichen Form gebunden. Seine Figuren sind aus Holz- 
klötzen gehauen und gehöhlt, und sie zeigen sogar das charakteristische Rillige und Kerbige 
der Holzbildnerei und das Faserige der Maserung. August Gaul, der Herr der Tiere, 
beschert eine Mappe von Radierungen," die in Kaltnadeltechnik mit sparsamsten Mitteln 
frappante Existenz geben, nicht weniger gegenwärtig als seine Bronzen: heroische Adler, 
wuschlige Schafherden im Wippetakt der Köpfe, Ziegen mit den Hebungen und Senkungen 
der gebirgigen Rücken, der luftig-gleitende Flugschritt der Strauße, purzelig-huschelige 
junge Bären. Als Ergänzung dazu der Meister dessen, was da fleucht, Emil Pottner, der 
die Sprache der Vögel versteht. Neben seiner Vitrine farbig glasierter Plastik, einer Voliere 
iiügelspreiziger Enten, kolleriger Hähne mit stiebendem prickelnden Gefieder, gackeriger 
Gänse, genießt man wie das Tagebuch eines Tierfreundes seine Zeichnungen der Sommer- 
tage im GeHügelhof, der fliegenden Enten, der kämpfenden Taucher. In Holzschnitten stellt 
er Vögel am Wasser dar, voll Plötzlichkeit und Momentanität, in einer spritzig-streitigen 
Silhouettentechnik mit bald hingefegten, bald hingewischten Strichen, und sehr liebens- 
würdig ist sein I-Iühnerbilderbuch: Geschichte des Staates Radschputanien, eine Wieder- 
kehr von Gockel, Hinkel und Gockeleia. 
Wir verzeichnen nun Einiges von den Begegnungen mit alten und neuen Bekannten 
aus dem engeren Sezessionskreis. Von Liebermann sieht man wieder viel Holländisches: das 
Wimmeln in Amsterdamer Gassen, im Flug erhascht und mit suggestiver Andeutung durch 
die Ausdruckssprache des Bleistifts in Prasselstrichen wiedergegeben. Vehemente Be- 
wegungsrhythmen der Polospieler, gischtsprühender Galopp der Pferde am Nordvykstrand. 
Kardorff wirkt in seinen Zeichnungen von Grachten, Kirchen, Brücken, Alleen sehr 
" Verlag Paul Cassirer. 
"W Ebenda.
	        

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