MAK

Objekt: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 42)

Steine bis zur Bezahlung der ange- 
kauften Plastik gratis beizusteilen. 
l)as ist ein mehr als großzügiges 
Entgegenkommen, weil Hummel 
auf diese Weise mit der Zeit und 
unter (hoffentlich nicht eintreten- 
den) Umständen zum unfreiwilligen 
größten privaten Plastik-Sammler 
nicht nur Österreichs und der 
St. Margarethener Steinbruch zum 
größten Plastik-Freilichtmuseum 
werden können. 
Die Dinge aber sind ganz offen- 
kundig noch im Fluß. Das verjäh- 
rige Symposien, das tatsächlich mit 
elf Bildhauern aus acht Ländern 
zustandekam, mußte erst einmal, 
einfach durch sein Dasein und- 
seine 'l'ätigkeit, den Grundstein le- 
gen, die Aufmerksamkeit auf sich 
lenken, die ldce mit Fleisch umklei- 
den, die Wirklichkeit des Steinv 
bruchs und die Möglichkeiten des 
Symposions präsentieren oder we- 
nigstens skizzieren und damit ins 
Bewußtsein rufen. Es mußte sowohl 
für die Teilnehmer als auch für 
die öffentlichen Stellen und die 
privaten Besucher, wenn schon 
nicht bereits den gültigen Nach- 
weis, so doch den Hinweis erbrin- 
gen, daß hier etwas tatsächlich Le- 
bendiges begonnen hat; daß eine 
„Gründung" erfolgte und nicht bloß 
eine Eintagsfliege losgelassen 
wurde; daß also der Steinbruch und 
seine Lage im Burgenland, seine 
„Architektur" und Geschichte, der 
blaue llimmel und die Sonne über 
ihm, die Dohlen, das leuchtende 
Gelb der frisch gebrochenen Steine, 
das verwitterte Grau der alten 
Wände, die überwältigende Räum- 
lichkeit und nicht zuletzt auch die 
Gegenwart und Leistung aller 
derer, die da Steine brechen, sä- 
gen und verladen, daß das alles 
eine Welt, eine Atmosphäre, ein 
Lebens- und Arbeitsklima ist und 
schenkt, in denen nicht nur das 
künstlerische Schaffen, sondern 
auch ein alle Grenzen und Natio- 
nalitätcn einschmelzendes Mensch- 
und Kameradsein gedeihen können. 
Natürlich gibt es Leute und sogar von 
der künstlerischen Prominenz, die 
das alles für Literatur erklären, für 
poetische Geschwätzigkeit, die sich 
um die Wahrheit herumlügt, daß es 
nur auf Talent und Charakter, auf 
den Rang und die oft leidvolle Ein- 
samkeitsfähigkeit der künstleri- 
sehen Einzelpersönlichkeit an- 
kommt, wenn Dinge geschaffen 
werden sollen, die künstlerischen 
Wert besitzen. Alle Verquickung 
mit „Politik", mit „Verbrüderung" 
und „KameradschafF sei Phrase 
und lenke nur von dem ab, worauf 
cs ankommt, nämlich daraul, gül- 
tige Plastik hervorzubringen. Diese 
wäre dann schon ganz von selber 
Wahrzeichen und Botschaft und was 
immer man von ihr erwarte und 
verlange, während ausdrücklich ge- 
plante Wahrzeichen und Botschaf- 
ten unter Garantie nur schlechte 
Plastiken ergeben könnten, also 
wertlos seien. 
Diese Einwände sind verständlich, 
weil sie der begründeten und damit 
berechtigten Skepsis gegen die 
heute übliche Betriebsamkeit und 
Gschaltelhuberei der wichtigtueri- 
sehen Impotenz gerichtet sind. Ge- 
gen sie kann man ja auch gar nicht 
mißtrauisch genug sein. Aber trifft 
ein solches Mißtrauen auch wirk- 
lich dem Symposien von St. Mar- 
garethen gegenüber zu? Erstens 
einmal: sind nicht vielleicht doch 
auch die „absoluten" Maßstäbe von 
der ganz großen Kunst ein bißchen 
literarisch oder doch zumindest 
theoretisch? Was einer von sich 
selbst verlangt, ist seine Sache, und 
er kann gar nicht genug von sich 
verlangen. Wenn er aber anfängt, 
daraus ein Gesetz und eine allge- 
meine Forderung zu machen, wird 
es schon bedenklich, weil eben die- 
ses „Gesetz" zu einer Geste und als 
Forderung zu einem Anspruch 
wird, den man vor allem an die 
anderen stellt. 
Zweitens gibt es verschiedene 
Ebenen des künstlerischen Schaf- 
fens, verschiedene Ränge des Künst- 
lerscins. Neben dem Einsam-Einzi- 
gen haben auch die gleichsam ge- 
meinschaftlichen Naturen ihr Recht 
und, das Talent vorausgesetzt, ihre 
Werkgültigkeit. Das Leben will auf 
allen seinen Ebenen und in allen 
seinen Rängen erfüllt und befrie- 
digt werden, und jede dieser Ebe- 
nen, jeder dieser Ränge und oben- 
drein noch jedes Individuum haben 
ihr eigenes Maß, ihre eigene 
„Rundheifi Was nach allen Seiten 
„rund" ist, ist eine Kugel, gleich- 
gültig, ob sie groß oder klein, aus 
Gold, Eisen oder Stein ist. 
Drittens aber spielt tatsächlich in 
der heutigen Situation des Men- 
schen der verpiuschte, weil zwar 
allseitig organisierte oder, um es 
orthopädisch auszudrücken, ge- 
schiente und künstlich in Funktion 
gehaltene, aber organisch tauhc und 
stumpfe Gerneinschaftssektor seiner 
Existenz eine wichtige Rolle. Ihn 
statt durch die üblichen Propaganda- 
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