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Volltext: Monatszeitschrift XVI (1913 / Heft 2)

IV. DIE VEST ALS BOSSIERER FÜR DIE WERKSTÄTTEN 
ÖSTERREICHISCHER UND OBERFRÄNKISCHER OFENHAFNER. 
Früher als der durch intensivere Tätigkeit hervorragendere Georg VestI 
hat Johannes Vest Entwürfe für Kacheln geliefert, wohl in der Absicht, 
dieselben außerhalb Creußens zu verwerten. Schon ein Vorfahre, sein 
Oheim Hans Vest oder dessen Vater gleichen Vornamens dürfte, wenn wir 
die mit H V signierten Kacheln im Museum Francisco-Carolinum dieser 
Bossiererfamilie zulegen, für mehrere keramische Betriebe gearbeitet 
haben. Diese Kachelgruppe habe ich im Jahrgang XII dieser Zeitschrift, 
Seite 356 bis 358, eingehender besprochen. In Ergänzung des dort abgebil- 
deten Materials bringen wir hier zwei Kacheln aus der Folge der Personi- 
fikationen der freien Künste (Abb. 38 und 39). Diese Kachelserie sowie die 
zur gleichen Gruppe gehörenden verwandten Folgen finden sich noch an 
mehreren Öfen in Ober- und Niederösterreich. Das Gebiet ihrer Verbreitung 
ist somit dasselbe wie jenes, auf welches die Überlieferung die Tätigkeit der 
ersten Vest-Generation in Österreich konzentrierte. 
Johannes Vest hat das Modell zum Mittelstück einer Kachel auf dessen 
Rückseite voll signiert: „Johannes Vest von Creußen 1599" (Abb. 41).Dar- 
gestellt ist die Figur der Fides, in der Rechten den Kelch, in der Linken das 
Kreuz tragend. Seitwärts steht am Fuße eines basaltartig aufgebauten 
Felsens ein einzelnes Haus mit vorgelagerter Baumgruppe. Die Bildung des 
Felsens stimmt mit jener auf dem Creußener Krug mit der Figur der Abun- 
dantia überein (Abb. 37). Für das dargestellte Haus fand ich eine ins Auge 
fallende Analogie mit dem alten Hafnerhaus, dem Spielberggute," (heutige 
Hausnummer 99) am Fuße des felsigen Hügels, auf dem das eigentliche 
Castrum gestanden hatte. (Auf dem Stich vom Jahre 1726 als Ruine sichtbar. 
Abb. I1.) 
Dem vom Künstler signierten Modell mit der Figur der Fides reiht 
sich an das Fragment eines weiteren für eine Serie von Kacheln entworfenen 
Mittelstückes aus der Folge der personifizierten Kardinaltugenden (Abb. 40). 
Es ist lediglich der Kopf dieser Figur erhalten geblieben, also ein kleines 
Bruchstück, an dem wir aber vielleicht am besten die künstlerischen Fähig- 
keiten des Bossierers Johannes Vest beurteilen können. Der Typus des 
Kopfes ist oberfränkisch und ist derselbe, den uns Dürer auf seinen Stichen 
des Jahres 1504 (Nemesis, der Traum, Meerwunder und I-Ierkules) über- 
liefert hat. 
Vollständige Kacheln des Künstlers finden sich an mehreren "Öfen auf 
der Burg zu Nürnberg und im Germanischen Museum, untermischt mit 
Kacheln des Georg Vest. Stets ist die Umrahmung eine reiche. Auf einer 
Kachel mit der Allegorie der Nacht, die eine brennende Fackel und eine 
Eule trägt, Hankieren die Gestalten des Winters und Herbstes die Nische, 
" War bis 1420 mit dem Specknerschen Burggur (heutige Nummer x42) vereinigt, welches als eines 
der ältesten Creußener Häuser angesehen werden darf und am 6. September 164g von Stefan Eul, einem Nach- 
kommen des Hafners Thomas Eul, nn Hafner Lorenz Speckner veräußert wurde.
	        

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