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Volltext: Monatszeitschrift XVI (1913 / Heft 4)

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Leser Rechnung trägt und für uns seine Bedeutung verlor. Anderseits sind ja auch die 
theoretischen Schlüsse und das Gebäude von Regeln, das der Architekt der Renaissance- 
zeit aufstellt, für uns von geringerem Wert. Trotz dieses Hanges zu formalen Theorien, 
trotz der Abhängigkeit von Formgesetzen älterer Kulturen lebt in dem Baukünstler der 
Renaissance doch wieder so viel produktive Kraft, so viel Sinn für Zweckmäßigkeit, kluge 
Sparsamkeit, für Rücksichtnahme auf Zeitbedürfnisse, Materialeigenschaften, örtliche 
Bedingungen. Man fühlt, welche innere Freiheit und Selbständigkeit doch trotz aller Ehr- 
furcht vor der Überlieferung in Alberti tätig war und ihn über theoretische Betrachtungen 
hinaus zu künstlerischem Wirken von bleibender Bedeutung drängte. 
Der weite Kreis geistiger Interessen, welchen dieser Künstler der Renaissancezeit zu 
durchdringen vermochte, übt seine Anziehungskraft und erweckt die Wertschätzung seiner 
ursprünglichen und kraftvollen Worte, die weitesten Horizont besitzen. 
So sagt er: Wer d'en wahren und echten Schmuck eines Gebäudes herausfinden will, 
der wird tatsächlich einsehen, daß dieser nicht durch Aufwand von Mitteln, sondern wohl 
hauptsächlich durch Reichtum an Geist erworben werde und darauf beruht. 
In dem Genuß, den solche tiefdringende und reicher Erfahrung entspringende 
Sätze bieten, liegt vielleicht der wertvollste Erfolg, der von dieser Veröffentlichung mit 
Recht zu erwarten ist. Hartwig Fischel 
HAENEL UND TSCHARMANN, DAS MIETWOHNHAUS DER NEU- 
ZEITÜ" Die Frage der künstlerischen und zugleich hygienisch wie praktisch be- 
friedigenden Lösung des Mietwohnhauses gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Städte- 
kultur und zu den brennendsten des modernen Wirtschaftslebens. Schon aus dieser 
Erwähnung der Einfiußsphären, welchen das Miethaus angehört, sind aber auch die zahl- 
reichen einander widersprechenden Faktoren erkennbar, welche der Einheitlichkeit der 
Ziele entgegenarbeiten, die doch immer eine Grundbedingung befriedigender Lösungen 
bildet. 
Ein soeben erschienener Band der Monographienserie zum modernen Hausbau, welche 
bei J. J. Weber, Leipzig, von Prof. Dr. E. I-Iänel und Baurat Prof. H. Tscharmann heraus- 
gegeben wurde, behandelt das deutsche Miethaus der Neuzeit. Dieser interessante Band 
ist natürlicherweise von den im Deutschen Reiche heute verwaltenden Verhältnissen 
vorwiegend beeinfiußt und geht darum auf die kleineren Bedürfnisse mittlerer Städte 
ebenso ein, wie auf die abnorm großen der Großstadt. Das Buch wählt vorwiegend Fälle 
aus, in denen künstlerische Einfiußnahme vorherrschte, und kam daher in Berlin zu den 
Typen, wie sie von Beamtenwohnungsvereinen (Architekt P. Mebes) in glücklicher Weise 
geschaffen wurden, anderwärts zu jenen seltenen Fällen, wo größere Gelände, wie die 
Mathildenhöhe in Darmstadt, einheitlich bebaut wurden (Architekt A. Müller). Es führt 
auch einige gute Gruppen von Miethäusern für Familieneinzelwohnungen vor, die an 
manchen Orten Deutschlands zur Ausführung gelangen konnten, indem eine einsichtsvolle 
öffentliche Wohnungspolitik die künstlerischen und wirtschaftlichen Intentionen unter- 
stützte. Man fühlt auch bei den größten Typen das Bemühen, dem wohnlichen Eindruck 
Spielraum zu geben, während das bei uns herrschende Streben nach strenger Geschlossenheit 
und Monumentalität, das vom großstädtischen Straßenbild, Platzbild ausgeht, in Deutsch- 
land fehlt. Sicherlich kommen auch günstigere Verhältnisse auf dem Bauordnungsgebiete 
den deutschen Architekten entgegen, die eine engere Anpassung an durchgebildete 
Wohnungsbedürfnisse ermöglichen, eine leichtere Bauweise gestatten und mit geringeren 
Baukasten auszukommen erlauben. 
Es ist jede Bemühung dankbar zu begrüßen, die einem breiten Publikum Einblick in 
die Möglichkeit der Verbesserung unserer beklagenswerten Miethauszustände bietet. In 
diesem Sinne wird auch das vorliegende Buch eine wertvolle Propaganda zu leisten im- ' 
stande sein. Hartwig Fische] 
f j. J. Weber, Leipzig.
	        

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