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Volltext: Monatszeitschrift XVI (1913 / Heft 5)

 
Ftolf Kultzen 
Zwei unbekannte 
Selbstbildnisse von 
Christian Seybold 
1 Christian Seybold, Selbstbildnis, 1761. Liechtenstein, 
Galerie 
2 Christian Seybold, Selbstbildnis, 1747. Florenz, Uffizien 
Anmerkungen 1- 7 
1 Nr. 130; Kupfer, 40x31 crn. 
r Zitiert im Führer durch die Fürstlich Liechtensieinische Gemal- 
degalerie in Wien (A. Kronield), Wien 1931, s. 55, Nr. 130. 
1 im lnv. von 175a, Nr. aiso; Kupfer, es x 29,5 cm; vgl, icll umzl. 
Catalogo genereleu, Florenz 19B0(2. AufLl, s. 1005, Nr. A ssz. 
- Elfriede Baum. Kat. a. Osterr. Barockmuseums im Unteren Bel- 
vedere iVl Wien. ll, München 1950, S. 5451i, an dieser Stelle iuCh 
die bislang ausführlichsten Angaben zur Vita Seybolds. 
- Vgl. Kai. Louvre (Paris wen, bearb. v. F. Vlllot, 2. Teil, s, 257, 
Nr. 495; Lelnw., 64x36 cm. 4 Kat. Dresden. Gemäldegalerie, 
190a, s. 670171, Nr. 209a; Leinw., 74x61 cm. 
I F. Nicoiai, Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die 
Schweiz im Jahre 1781. 4. Band. Berlin und Stettin 1734, s. 4ao. 
- F. L. Graf zu Stolberg, Reise in Deutschland, der Schweiz, ita- 
llsrl und Sicilien. 4, Band. Königsberg und Leipzig 1794, s. 39a. 
1 Nagler, Künstler-Lexikon, XVI (uns), s. 214. 
16 
Gegen Ende seines Lebens präsentiert sich uns 
Christian Seybold in dem 1761 auf Kupfer gemal- 
ten Selbstbildnis (Abb. 1) der Galerie Liechten- 
steinl. Dazu heißt es von einem anonymen Autor 
in i-Wiens Kunstsachenu von 1856: i-Dieser brave 
Künstler scheint sich den berühmten Denner zum 
Vorbild erwählt zu haben; denn außer an letzterem 
und an Seybold fand ich nie eine dermaßen mi- 
kroskopische Ausführlichkeit. Seybolds Farbe ist 
heiterer als die Denners; aber die Denners ist mar- 
kiger und natürlicher. Daß Seybold nicht des Den- 
ners fabelhaft hohen Grad der Ausführlichkeit er- 
reicht hat, kann ihm nicht als Fehler angerechnet 
werden; denn der Zweck der Kunst ist nicht, mi- 
kroskopischen Untersuchungen zu dienende 
Seybold selbst würde den hier zwar nur versteckt 
vorgebrachten Einwand gegen eine allzu detail- 
lierte Schilderung äußerlicher Erscheinungsfor- 
men vermutlich kaum akzeptiert haben. Betrach- 
tet man daraufhin nämlich die zahlreiche Beispie- 
le umfassende Serie seiner Selbstbildnisse, so 
wird hier ein schon früh einsetzendes Bemühen 
des Künstlers um eine selbst die beiläufigste Klei- 
nigkeit berücksichtigende, möglichst naturge- 
treue Wiedergabe der eigenen Physiognomie er- 
kennbar. Offenbar handelt es sich dabei also um 
ein spezifisches Anliegen Seybolds, wozu er tat- 
sächlich durch das Beispiel des 1685 in Hamburg 
geborenen Baithasar Denner angeregt worden 
sein dürfte, der zu den damals beliebtesten Portra- 
tlsten in Deutschland zählte. Demnach scheint 
Seybold die von den Zeitgenossen mit Beifall auf- 
genommene Manier Denners die Gewähr für eine 
erfolgreiche Tätigkeit auf dem Felde der Bildnis- 
malerei geboten zu haben, so daß er mit Recht an- 
nehmen konnte, auf diesem Wege rasch zu per- 
sönlichem Ansehen zu gelangen. Dies bestätigen 
aber vor allem die häufigen Selbstbildnisse Sey- 
bolds, die er zudem - so scheint es wenigstens 
- mit großem Geschick in die berühmtesten 
Sammlungen seiner Zeit zu lancieren verstand. 
Letzteres gilt besonders für das unter die Künst- 
lerseibstbildnisse in den Uffizien zu Florenz einge- 
reihte Porträt von Seybold (Abb. 2) aus dem Jahre 
17471. Auch für das hier ebenfalls aus den engen 
Grenzen eines kleinen Biidformats stark spre- 
chend hervortretende Künstlerantlitz ist jener An- 
flug von ängstlicher Zurückhaltung charakteri- 
stisch, der mit einer auf die Spitze getriebenen 
Treue der physiognomischen Dokumentation so 
auffällig kontrastiert, daß dadurch die harmoni- 
sche Vereinigung der aufgewendeten Mittel zu ei- 
nem für die dargestellte Person eigentümlichen 
Ausdruck empfindlich gestört erscheint. Auf der 
Rückseite dieser Kupfertafel findet sich die in- 
schrift: i-Christianus Seybolt Moguntinus I Regis 
Poioniae Pictor aulicus aetatis annorum 49 hancl 
propriam Effigiem pinxit I Anno 1747." 
Leider ist übrigens auch damit die bislang umstrit- 
tene Frage nach dem Geburtsdatum Seybolds 
nicht endgültig entschieden, zumal wenn man die 
abweichende Angabe auf dem Selbstbildnis in 
Liechtenstein in Betracht zieht, weiche nämlich 
lautet: nC. Seybolt alt 58, anno 1761, geb. zu 
Mayntzß Am zuverlässigsten referiert Elfriede 
Baum den gegenwärtigen Stand der Diskussion 
über diesen Sachverhalt im Katalog des Österrei- 
chischen Barockmuseums im Unteren Belvedere 
in Wient Demnach laßt sich vorerst nur so viel sa- 
gen, daß Seybold offenbar wenige Jahre vor 1700 
in oder nahe bei Mainz geboren wurde. Jedenfalls 
muß er schon im jugendlichen Alter nach Wien ge- 
kommen sein, weil er hier bereits im Jahre 1715 
seine erste Ehe einging. Obwohl über Seybolds 
künstlerische Ausbildung Sicheres nicht bekannt 
ist, erscheint die mehrfach aufgestellte Behaup- 
tung, er sei Autodidakt gewesen, wenig glaubwür- 
dig. Dem widerspricht nicht nur die von ihm vir- 
tuos beherrschte Vortragstechnik als vor allem 
auch seine überlieferte Zugehörigkeit als i-Associ- 
ierteru zur Wiener Akademie. Schließlich dürfte 
seine mehrfach nachweisbare Tätigkeit als Portra-
	        

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