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Volltext: Monatszeitschrift XVI (1913 / Heft 6 und 7)

aber warum sollte der Meister im ersten Jahrzehnt des XVI. Jahrhunderts, 
unter dem Eintiusse der Renaissancebewegung und der ungewohnten 
Dimensionen dieser Figuren (bis über zwei Meter hochi), nicht zu einem 
Gewandstil gelangt sein, der von seinen Jugendwerken so weit entfernt ist 
wie der Gewandstil der Dürerschen Apostel von den knittrigen Gewändern 
in früheren Arbeiten Dürers? 
Immerhin verschließe ich mich nicht der Einsicht, daß die von Lübbecke 
(in einem sehr lesenswerten Aufsatz über meine Publikation in der „Frank- 
furter Zeitung") vorgebrachten Argumente zugunsten engerer Beziehungen 
des Altars (und vor allem des Gewandstils der drei Mittelfiguren) zu Veit 
Stoß, sehr erwägenswert sind. Vielleicht hat die damals (1505-1510) in voller 
Blüte stehende Werkstätte des Würzburgers die tüchtigsten Kräfte der 
eben damals brach liegenden und verfehmten Werkstätte des Veit Stoß an 
sich gezogen? Daraus wäre ja manches zu erklären. 
In meiner Datierung des Altars gestehe ich, durch Halms Einwendungen 
nicht im geringsten irre geworden zu sein. Die Rüstung des heiligen Georg 
stimmt in allem Wesentlichen vollständig mit jener des Dürerschen Reiters 
von 1498 überein; nun ist aber wohl zu beachten, daß dies (nach Dürers 
eigener Angabe) die neumodische Rüstung von 1498 war, so daß sie ganz 
gut an einem zwischen 1505 bis 1510 entstandenen Schnitzwerk repro- 
duziert werden konnte (schließlich ist ein Unterschied zwischen einem Altar 
und einem Modejournal); hat sie doch Dürer selbst in einem um volle fünf- 
zehn Jahre späteren Stich reproduziert (in „Ritter, Tod und Teufel"). 
Ein Kind von so ausgesprochenen Renaissanceformen wie das in den 
Armen des heiligen Christophorus ist in der deutschen Skulptur vor dem 
ersten Jahrzehnt des XVI. Jahrhunderts gar nicht zu denken; nicht zu über- 
sehen sind die Renaissanceelemente in der Architektur der „Verkündigung", 
die Anklänge an Dürers „Marienleben" (1510) und so weiter. Dagegen hängt 
Pillweins Jahreszahl 1495 völlig in, der Luft, und daß das 1497 datierte 
Kruzifix in der Kefermarkter Kirche „wohl erst nach Errichtung des Hoch- 
altars geschnitzt wurde", müßte denn doch erst bewiesen werden! 
Und nun nur noch zwei tatsächliche Berichtigungen. Auf Geistbergers 
Aufsatzreihe und seine Riemenschneider-Hypothese (die, wie Oberchristl 
am angeführten Orte inzwischen mitgeteilt hat, von vielen andern - 
Künstlern und Forschern - geteilt wurde, bin ich durch die Freundlichkeit 
Dr. Zibermayers (der als erster die Konkurrenzidee der beiden Wallfahrts- 
kmirchen aufgestellt und begründet hat, die jetzt von I-Ialm über Gebühr 
„gepreßt" wird) aufmerksam gemacht worden, nachdem mir die Beziehungen 
des Altars zu Riemenschneider bereits klar geworden waren; ich bin daher 
nicht von Geistberger „vertührt". Und die Lederrnaske des heiligen Wolfgang 
ist ihm, nach der Erzählung des ältesten Kefermarkters, tatsächlich auf 
Stifters Veranlassung abgenommen und noch lange gezeigt worden; es war 
also doch etwas anderes als eine „Grundierung". Hermann Ubell
	        

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