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Volltext: Monatszeitschrift XVI (1913 / Heft 8 und 9)

tilen, wie sie der Steinbildnerei jener Zeit in solcher Weise durchaus fremd 
ist. Dabei geht dem Meister niemals der Blick für das Große verloren. Zu 
einer Art Handschrift werden für ihn die feingelenkigen Hände mit ihren 
Grübchen und Fältchen, der schmalen Handwurzel und den zierlichen 
spitzen Fingerchen, dann noch die rundlichen Augen, deren Pupille er stets 
mit einem scharf gezeichneten Ring umrahmt. 
Mit größter Eindringlichkeit und unerbittlicher Strenge verfolgt I-Ieider 
jede und sei es auch die nebensächlichste Einzelform. Allein rein technisch 
betrachtet, stellt die Deckplatte der Tumba eine Leistung nie mehr erreichter 
Vollendung innerhalb der gotischen Marmorplastik, ja der Steinplastik des 
Nordens überhaupt dar. Alle Teile sind so peinlich genau durchgearbeitet, 
gemeißelt, gebohrt, geriffelt, geschliffen, als sollte der prüfende Blick des 
Beschauers auf jedem einzelnen ruhen dürfen; alles ist für die Nähe berechnet 
und will besehen werden wie die feine Treib- und Ziselierarbeit eines 
Reliquienschreines. Und in der Tat ähnelt der Stil des Meisters auffallend 
der Metalltechnik, namentlich den getriebenen Arbeiten des späten XIV. jahr- 
hunderts. Hier finden wir die genauen Parallelen für scharf detaillierende 
I-Iaar- und Bartbehandlung, wie zum Beispiel an der Reliquienbüste des 
heiligen Kornelius in Kornelimünster" oder an der Reliquienbüste aus Kloster 
Niederviehbach von 1340 im Bayrischen Nationalmuseum in München" 
(Abb. g). Es sind dieselben exakten symmetrischen Frisuren mit den säuber- 
lich auseinander gehaltenen Strähnen und den knopfartig herausgebuckelten 
Lockenenden. An diesen Reliquienbüsten finden wir ferner als stehende 
Regel die große Ringzeichnung der Pupillen und die scharfkantig heraus- 
gearbeiteten Augenbogen und Lippen. Aribos ernstes Haupt ließe sich 
ohne jede weitere Übersetzung unmittelbar als prächtiges Reliquiar in Metall 
treiben, so genau erscheint alles für jeden einzelnen Hammerhieb und 
Punzenzug vorgezeichnet. Ebenso deutlich prägt sich dieser Metalltreibstil 
des Seeoner Meisters in der Gewandbehandlung mit den scharfgratigen 
Falten, den glatten Zwischenräumen und den häufig wie Goldblech geknit- 
terten Säumen aus. Die Zatteldecke, der Blattstab scheinen direkt ent- 
sprechenden Vorlagen nachgebildet. Besonders auffallen muß es, daß die 
Löwenfigürchen, für die doch romanische Portallöwen oder frühgotische 
Drölerien als Vorbilder hätten dienen können, in der Artikulierung der 
Zehen und in den Mähnen den ausgesprochenen Gußmetallstil von Aqua- 
manilen aufweisen. Die Prophetentigürchen aber ruhen so auf den Löwen 
und unterlegten Kissen, daß man genau die einzelnen für sich gearbeiteten 
Teile erkennt, aus denen der Goldschmied das Ganze zusammengelötet oder 
genietet hätte. Dieser so durchaus persönlich geartete Stil, dem sich in seiner 
Klein- und Feinarbeit nichts Ähnliches aus der Steinbildnerei weitesten 
Berings an die Seite stellen läßt, zwingt geradezu zu der Vermutung, daß der 
Meister aus einem andern künstlerischen Prinzipien und andern technischen 
"' Katalog der kunsthistorischen Ausstellung Düsseldorf tgoz. Abb. 68. 
"N Saal 8. Ein SalzburgerBeispiel bietet das Bürstenreliquiar der heiligen Erentrud von 1315 in Nortnberg.
	        

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