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Volltext: Monatszeitschrift XVI (1913 / Heft 8 und 9)

Löwen; in der erhobenen Rechten hält er das Pedum, in der am Körper 
anliegenden Linken das Missale. Sein Kopf ist tief in ein untergebreitetes 
dickes Kissen eingesunken. Oberhalb des Kissens halten zwei Engel das 
Stiftswappen. Neben dem einen Löwen sieht man die verstümmelte Figur 
eines Männchens, dessen jetzt abgebrochene Linke nach dem Schafte des 
Pedums griff. Das linke (Fuß-) Ende der Platte bildet eine Schräge mit vier 
Wappenschildchen, zwischen denen ein Hündchen kauert. ' 
An dem Grabsteine des Propstes Petrus begegnen wir einer ähnlichen 
Mischung oder ähnlichem Zwiespalt alter und neuer Elemente wie am Grab- 
stein des Abtes Simon Farcher in Seeon, jedoch ist der Einschlag moderner 
Motive entschieden überwiegender, als es auf den ersten Blick erscheinen 
möchte. Dieser würde uns allein auf Grund der stark nach links ausge- 
bogenen Körperhaltung und der harten Modellierung des Kopfes das Werk 
dem Ende des XIV. Jahrhunderts einreihen heißen. Unverkennbar den Stil des 
frühen XV. Jahrhunderts weisen aber Einzelheiten auf, wie zum Beispiel die 
breit über die Brust sich legenden Falten der Casula, die ebenso ein sorg- 
sames Studium der Natur zur Voraussetzung haben mußten, wie die breiten 
Stickereistreifen der Casula und die reiche Inful. Ganz dem XVJahrhundert 
entspricht auch die Behandlung der Längsfalten, die in breiten Wellenlinien 
vom erhobenen rechten Arm herniederwallen und sich auch, zwar noch in 
weichen, aber wesentlich gemäßigteren Linien, über die Füße legen. Vor 
allem aber fesselt uns der Kopf des Propstes, der dem Farcher gegen- 
über das siegreiche Vordringen des Porträtismus zeigt. 
Zwiefaches schwebte dem tüchtigen Meister als Aufgabe und Ziel vor. 
Zunächst wollte er ein getreues Bildnis des Propstes schaffen, aber - und 
darin liegt das zweite wichtigere Moment seines Problems - nicht den 
Lebendigen wollte er schildern, sondern den im TodeVerblichenen. Der letzte 
Teil des Themas bietet im Bereiche der Salzburger Kunst etwas Neues, bis 
dahin völlig Unbekanntes (Abb. 24). Der Künstler geriet hier in ein Dilemma, 
denn, wie wir sehen werden, ließ der Propst seine Grabplatte schon zu seinen 
Lebzeiten meißeln, so daß also die Aufgabe in Wirklichkeit lautete: Über 
das Bild des Lebens den Hauch des Todes zu breiten. So entlehnte der Stein- 
metz dem warmen pulsierenden Leben alle die einzelnen charakteristischen 
Züge, die gefurchte Stirne, die flachen Schläfen, die hohen Augenbogen, die 
wohlgeformte Nase, kurzum alle das Werk zu einem streng individualisierten 
Porträt stempelnden Faktoren, die er nicht, etwa wie Hans I-Ieider bei dem 
Bildnis Farchers, in allgemeiner Form skizzierte, sondern denen er mit spüren- 
dem Auge in ihren Detailformen nachging. Dem so dem Leben und der Wirk- 
lichkeit abgeschriebenen Bilde prägte er die nur im Geiste erschauten Züge 
des Todes ein. Tief eingesunken in die Höhlen sind die im Schlafe geschlos- 
senen kugeligen Augen mit ihren dünnen, feingeschnittenen Lidern, schlaff 
scheint die I-Iaut über den Backenknochen zu lagern, und kraftlos haben sich 
die Mundwinkel nach unten verzogen. So schildert in durchaus glaubhafter 
Art der Meister des Todes Abglanz auf den Zügen des Lebens, wahr und
	        

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