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Volltext: Monatszeitschrift XVI (1913 / Heft 11)

der echten Volkskunst aufmerksam machen. Durch unsere 
vornehmlich wissenschaftliche und klassische Bildung 
stehen wir leider solchen Erzeugnissen etwas fremd und 
mit gänzlich falschem Maßstab gegenüber. Dabei ist die 
Volkskunst, wenn wir sie nicht der sogenannten Bauern- 
kunst gleichsetzen, durchaus keine Leistung zweiten 
Ranges, vielmehr ein selbständiges Gebilde, das seine 
Kraft weniger in der Stilmode als im I-Ieimatboden und 
im Herzen des Volkes hat. Beispiele wie die Oldenburger 
Schnitzwerke wird man auch sonst entdecken, vielleicht 
aber keine so charakteristischen in dem vollkommenen 
Zusammenschluß von Material, Technik, Form und gei- 
stigem Inhalt. Die Figuren wirken an Ort und Stelle, 
selbst in der Umgebung von Beispielen der 
„höheren kirchlichen Kunst" (veröffent- 
licht in der „Zeitschrift für christliche 
Kunst", XXV) unmittelbar. Mehrfach sind 
Architekten, Direktoren von Kunstge- 
werbeschulen oder Kunstgewerbler bei 
flüchtigem Durchgang durch die Mu- 
seumsräume gerade vor diesen beschei- 
denen Schnitzwerken stehen geblieben 
und deuteten durch Überstreichen mit der 
Hand an, daß sich hier Gegenwart und 
Vergangenheit verstehen. 
Allerdings stand die Schnitzkunst am 
Kmmmgende, um Ausgange des Mittelalters in voller Blüte, 
Swslrlöhßlv Mehr, nur nicht gerade in dem Sinne, wie es 
o'dfs"fo'f',äjfgj',jjj;"m unsere moderne Zeit haben möchte, weil 
man die Grenzen von Material und Technik 
übersah und zuweilen durch Stoffspielerei, Glätten der 
Schnittkanten und geschickte Übertreibungen zur Virtuosität 
ausartete. Zu derartigen Überfeinerungen stehen die 
Oldenburger Figuren in direktem Gegensatz, ohne daß sie 
die Gemeinsamkeit der Stilmode ganz verleugnen. Die 
Gewandbehandlung im Rücken der Christusiigur findet 
freilich ihre Parallele im romanischen Zeitalter; solche 
Furchenschnitte erinnern uns wohl gar an die ältesten 
Skulpturen, an den bekannten Braunschweiger Cruzitixus. 
Vielleicht gibt das Material eine Erklärung für diese 
Beschränkung. Während alle übrigen mittelalterlichen 
_ _ _ . Kreuztragender 
Arbeiten llTl Museum aus Eichenholz geschnitzt sind, Christus (Rückseite), 
besteht diese überlebensgroße Gestalt aus Pappelholz; lälizzfufgizrfgzi'ggä 
diese Holzart erleichtert zwar die Arbeit, läßt aber den 15oo,Pappelholz
	        

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