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Volltext: Monatszeitschrift XVI (1913 / Heft 11)

tapetenhaher Manier. Und in seiner bilderbogenhaften Primitivität, die in ihrer Farbigkeit 
etwas Dekoratives hat, spiegelt sich wohl einiges der jüngsten Bestrebungen. 
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a: 
Wir aber wollen allem, was da ist, erwartungsvoll zusehen, uns freuen, daß sich 
immer wieder ein Neues gebiert und uns hoffentlich noch lange davor hüten, die Türen 
unseres Erkennens mißmutig zu schließen und einen Strich zu machen unter unser künst- 
lerisches Weitermiterleben. 
ERLIN. HERBSTAUSSTELLUNG DER ALTEN SEZESSION. Am 
einfachsten und klarsten für die Femeren, die sich in der verwickelten und zersetzten 
Berliner Kunstgruppierung nicht auskennen, ist's, wenn man sagt: die um Liebermann. 
Dieser alte sezessionistische Stamm, der im vorigen Jahre nach heftigen Streitigkeiten 
aus dem Sezessionsverband austrat, eine Minderheit zurückließ, und sich selbst ofiiziell 
nicht wieder zusammentat, wirkt gleichwohl als unsichtbare Loge und stille Gemeinschaft 
weiter und veranstaltete im Hause am Kurfürstendamm, ohne eine affichierende Flagge zu 
zeigen, eine Herbstausstellung. 
Die führenden Namen der alten Sezession - freilich mit Ausnahme Liebermanns 
- repräsentieren hier. Aber interessanter und anregender ist's, statt von ihren Werken, 
die ohne zu überraschen, festgefügte Physiognomie tragen, von der jungen Invasion in 
ihre Reihen zu sprechen. 
Da muß aber doch vorher ein Meister aus den Anfängen der Bewegung genannt 
werden, der jung geblieben und dabei reif geworden und heute in einer monumentalen 
Aufgabe von größter Bogenspannung sich darstellt: Edvard Munch. Von ihm sieht man 
hier im Hauptsaal die Entwürfe für die Aula einer Universität, mächtige Flächen und 
dabei betragen sie nur ein Viertel der Originalgröße. Allegorische Motive geben sie 
mit den Figuren des Sämanns, des Alten am Meer, der unter der Weltesche zur Jugend 
von den Weltgeschicken redet, der Alma mater als des nährenden Mutterweibes Y- her- 
kömmliche Motive, aber von lebendigem Odem der Farbe und von der gestaltenden Kraft 
der Form erfüllt. Die lichte Helle, der feine perltonig Himmernde Duft gemahnt an Puvis 
de Chavannes; dann rauscht in einem großen Bild die Sonne daher in kosmischer Musik, 
eine prismatische Phantasie voll orphischen Farbenklang (an die Neusten, an Delaunay 
und seine Spektralkoloristiken kann man dabei denken), und man fühlt Goethesche 
Urworte: „Tönend wird für Geistesohren, schon der neue Tag geboren". Leuchtende 
Weite, helle Ferne, das strahlt aus diesen Kartons, als sollte in die Wissenschaftshallen 
der Scholastik durch geöffnete Fenster Licht hineingetragen werden. Die Universität der 
grauen Stadt Christiania hat wenig Gegenliebe für diese Botschaft bewiesen, und die Ent- 
würfe sollen nun heimatlos sein. 
Spannend ist's dann, einem der Anreger der]üngsten auf seinenEntvsricklungswegen 
zu folgen, Pablo Picasso, der heut dem Kubismus verschrieben, vordem Akte von einem 
strengen Formwillen meisterte. Ein bohrender künstlerischer Ernst spricht aus seinen 
Porträten, aus der Versonnenheit des schnitzenden Mannes, aus dem nackten hageren 
Knaben, aus der Schauspielerstudie mit dem verwischten Pierrotantlitz und dem fahl-lila 
Trikot. 
Hier fühlt man soviel Arbeit der Innerlichkeit und Werkstattstille, daß man auch an 
dieses Menschen Überzeugungs-Echtheit glauben muß, wenn er in seinen letzten Stücken 
Gesichter in stereometrische Kristallbildungen auflöst, einen Frauenkopf in eine Fonn 
prägt wie eine japanische Maske, und eine gewürfelte Flächenmuster- - man könnte 
sagen, eine gemalte Flickendecke - als Mandolinenspieler ausgibt. 
Kubistische Tendenzen regen sich auch sonst, aber weniger im problematischen 
Porträtfach als in Architekturen und Stillebendarstellungen. Alexander Kanold schachtelt 
in seinen Bildern von l-Iäusern und Ruinen Formationsschnitte in interessanten Über-
	        

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