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Volltext: Monatszeitschrift XVI (1913 / Heft 10)

Wagnisses, der Mut eigener persönlicher Aussprache, das Problematische und Umstrittene 
galt, sofern nur Talent dahinter war. Und die Kabinette mit dem Dilettantenausschuß, der 
nun einmal den juryfreien als Knochenbeilage und peinlicher Erdenrest anhaftet, lassen 
sich - dafür sorgt die weise Hängeregie der Herren Sandkuhl und Tappert - leicht 
vermeiden. 
Man kann in solcher Revue andrängenden Nachwuchses gut die Richtlinien erkennen, 
in denen das gegenwärtige Kunstschaffen läuft. Den Zug zum Monumentalen, zur groß- 
Hächigen Vereinfachung merkt man. 
Ein junger Breslauer, Willy Jaeckel, fällt mit seinen weitgeräumigen Darstellungen 
voll Sturm und Drang auf. Geballte Leiber, chaotische Gewirre sind es scheinbar, und doch 
durchaus formgeüihlte Aktgebilde. Sie gehen unter allgemeinen Ideentiteln wie „Dasein" 
und „Kampfä aber diese Weltanschauungsetiketten bergen nichts Blasses, sie geben nur 
Veranlassung, kontrastierend in einer kosmischen wolkenhaften Landschaft gestillte 
Menschenkinder in allen Positionswechseln gliedergelöster Ruhe zu gruppieren und in 
der andern Schilderung allen Furor jäh zuckender Trotzgebärden, zerstampften Wellen- 
sturzes,verknäultenVerzweiflungsringens zumodellieren. Die Hand, die diese Erscheinungen 
heraufführt, meistert ihre Kreaturen noch nicht ganz, sie ist noch fliegend, voll ungebändigter 
Hast und affektbefangen, doch treibende Mächte walten in ihr verheißungsvoll. 
Manche Versprechung löste ein Hoffnungsprätendent früherer Ausstellungen ein, 
Erich Waske. Er hat Disziplin gewonnen, ohne an seiner Eigenart zu verlieren. Menschen 
im Raum rhythmisiert er sicher und zwanglos, so die charakteristischen Typen einer 
Pariser Brasserie in der Schulter an Schulter geschlossenen Aufreihung auf den schmalen 
an den Omnibus erinnernden Wandbänken. Und seine Landschaften sind voll farbigen 
Aufbaues mit den Furchen der Felder vor dem gestreckten horizontalen Bahndamm und 
mit dem durch die Senkrechte der Schornsteine bestimmten Horizont. 
Ein feuerwerkernder Experimentator scheint Wilhelm Morgner. Er schafft Kaleido- 
skopien, Feuerräder, schillernde kreisende Ringe, farbenstiebende Sonnen- und Mondhöfe, 
eine „Art du feu" von der prasselnden Koloristik der Raketen und des Pfauengefieders. 
Zum mindesten sehr dekorativ und anregend für die Gewebmusterung phantastischer 
Stoffe zur danse lumineuse. 
Mit der Greco-Geste tritt Gawell auf. Sein Golgatha ist eine Menschenpyramide voll 
gezerrter, aufgereckter Inbrunst, voll Folterwonne und märtyrerischer Wollust. Übersteigert 
wird das noch durch die hysterische Blut- und Wundenpoesie von Gamahu. Farben- 
knetungen, reliefhaft, geben verrenkte Kadaver, wie vorn Streckbett genommen und 
fahl, blutrünstig im Äther schwebend. An die anatomischen Präparate höllischer Magier aus 
Poe und Mayrinks Welt erinnern sie. Und nun in ruhigere Bahnen. 
Harold Bengen strebt auch nach jener im Anfang bezeichneten Monumentalität. 
Doch ist er nicht chaotisch, er läßt eher in den Gebärden der Bogenspannerinnen und der 
Hilfeflehenden seiner „Schlacht" eine gewisse prästabilierte Harmonie schwingen. 
Emmy Gotzmanns Garten prangt drall von den lustigen Farbentupfen der dicken 
Bauernblumen. 
Cesar Kleins Bücherstilleben nimmt ein Motiv van Goghs auf und operiert mit den 
Lichtspielen über dem farbigen Schnitt der schräggeschichteten Bände. 
Tappert bewegt sich in seiner gewohnten ethnographischen Zone der dumpfig brand- 
roten euterschweren Varieteakte vor giftgrünen Vorhängen. 
Dora Stetter erweist in ihrer belgischen Landschaft mit der verhaltenen Farbigkeit 
hinter stumpfem Nebelgrau und mit dem koloristischen Geschwirr und dem Trikoloren- 
Pizzicato ihrer Stadion-Impression eine eigene und vielseitige Hand. F- P- 
ERLIN. THEATER DER MODEN. Ein lebendiges Wandelpanorama der 
Moden aus Vergangenheit und Gegenwart rollt sich jetzt alltäglich in den Hallen am 
Zoo ab. Die neue Ausstellungstechnik, die nicht mehr ermüdendes theoretisches Material 
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