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Volltext: Monatszeitschrift XVI (1913 / Heft 10)

Erkenntnis seiner Entstehungszeit zu erklären und in die große Entwicklungsgeschichte 
menschlichen Geistes einzuordnen. Stilbegriffe und Künstlerpersönlichkeiten sowie alles 
äußerliche Wissen von den Dingen sollen dabei in den Hintergrund treten. Wert und 
Bedeutung eines Kunstwerkes sollen nicht, wie es bisher so oft geschah und im großen 
Publikum noch heute geschieht, nach Stilidealen jenseits aller nationalen Grenzen beurteilt 
werden, sondern das Denken soll dahingelenkt werden, innerhalb der besonderen künst- 
lerischen Gestaltungsweise eines Volkes zu urteilen und aus dieser die Stilbegriffe zu ge- 
winnen. Auch der bereits von Wickhoif und Riegl bekämpfte Begriff von Aufstieg und Verfall 
soll nicht mehr richtunggebend sein, vielmehr handelt es sich stets darum, die Einheit eines 
sinnlichen Vorstellungskomplexes von der Natur, wie sie der Erkenntnis einer bestimmten 
Zeit entspricht, darzulegen und dem Wechsel dieser Erkenntnisse gewissenhaft nachzu- 
gehen. Mag ein solches Programm nach dem heutigenStande der Detailforschung auch 
noch etwas verfrüht erscheinen, so ist doch zu hoffen, daß der Versuch, es durchzuführen, 
dem allgemeinen Denken auf kunstgeschichtlichem Gebiete neue, fruchtbare Anregungen 
zuführen und schließlich auch die noch bestehenden Lücken deutlicher zur Erscheinung 
bringen wird. 
Eine Probe dieser neuartigen Betrachtungsweise kunsthistorischer Vorgänge gibt 
uns Fritz Burger im ersten und zweiten der bereits erschienenen Hefte. Er beginnt mit 
dem siebenten Abschnitt, der die deutsche Malerei vom ausgehenden Mittelalter bis zum 
Ende der Renaissance behandeln soll. Die Fähigkeit, sich in „den Geist der Zeiten" 
zu versetzen, hat seit Goethes Tagen derart zugenommen, daß wir nicht mit faustischer 
Resignation ganz und gar darauf verzichten müssen. Auf Grund exakter Detailforschung 
haben sich neue, fremde Welten vor unserem geistigen Auge aufgebaut und es darf nicht 
mehr als aussichtslos angesehen werden, in die geistigen und materiellen Grundlagen 
ferner Kulturperioden, wenn auch nicht immer genügende, so doch tiefe Einblicke zu 
gewinnen. ' 
Indem Burger sich mit diesen Grundlagen, soweit sie sein Spezialgebiet betreffen, 
vertraut zu machen suchte, hat sich auch sein Urteil über die einschlägigen Kunst- 
werke vertieft und geklärt. Vielfach anregend sind seine Bemerkungen zu einzelnen 
Werken Dürers, Altdorfers, Grünewalds, Baldung-Griens und anderer. Feinsinnige 
Beobachtungen klären manchmal geheimnisvolle entwicklungsgeschichtliche Vorgänge 
und, hat der Leser oft auch nicht geringe Mühe, sich durch eine geschraubte, ja manch- 
mal geradezu unverständliche Schreibweise durchzuarbeiten, so wird er dafür an andern 
Stellen für seine Ausdauer köstlich belohnt. Allerdings, der Gefahr, daß bei solcher 
Kunstschilderung das Auslegen in ein Unterlegen, das Erkennen in ein Aufdrängen übergeht, 
die geistreiche Kombination, das farbenschillernde Wort zum Hindernis exakten, kühlen 
Denkens wird, ist der Verfasser nicht immer entronnen, andrerseits ist es aber nicht gering 
anzuschlagen, daB Burger sich mit Erfolg bemüht, durch analytische Inhaltsbeschreihungen 
Beispiele zu geben, wie ein Kunstwerk aus dem Geiste seiner Zeit und seiner Nationalität 
heraus zu beurteilen ist. Von eindrucksvoller Kraft getragen ist zum Beispiel eine Schilderung 
des Einflusses, den das patriarchalische Heldentum der Bibel auf das Denken und 
namentlich auf die Kunst der Deutschen im XV. Jahrhundert genommen hat und wie 
damals die biblische Vergangenheit in das Gegenwartsleben übertragen worden ist. In 
wirkungsvollen Gegensatz wird die formschöne und sinnenfreudige Kunst des Südens zur 
inhaltsreicheren Kunst des Nordens gestellt, wie denn überhaupt das Hauptgewicht auf 
das Hervorheben der deutschen Kunst, ihrer Bedeutung und ihres Wertes gegenüber der 
italienischen und französischen gelegt wird. 
Wohltuende Ruhe und Klarheit im Satzbau sowie ungesuchtes Wesen im Ausdruck 
stehen im dritten Hefte, worin Professor Dr. Oskar Wulif in Berlin die altchristliche 
Kunst von ihren Anfängen bis zur Mitte des ersten Jahrtausends darzustellen beginnt, der 
in lebensvoller Bewegtheit sich überstürzenden Diktion Burgers gegenüber. Die geistigen, 
in diesem Falle religiösen, Voraussetzungen der Kunstentwicklung werden auch hier so
	        

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