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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1865 / 2)

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und kunstgewerbliche Schulen in verschiedenen Kronliindern zur Ausstellung ihrer Leistungen 
im Museum selbst veranlasst. In ersterer Beziehung sind zu erwähnen die Ausstellungen, 
welche das Museum im vorigen Jahre in Graz , S alz b urg , Brünn, im laufenden Jahre 
in Salzburg, Graz, Pressburg, Linz, Leitmeritzi) und Briinn selbst veranstaltet, 
beziehungsweise mit Beiträgen beschickt hat; von den Ausstellungen aus den Provinzen 
sind jene des Museums von Murano, der Scuola d'ornat0 in Venedig und der 
höheren mlihriechen Webereischule in Brünn bemerkenswerth. 
Aus den vom Sprecher näher dargestellten Verhältnissen der letzterwähnten Schulen 
zieht derselbe folgende Schlüsse: 
l. Es fehlen in Oesterreich höhere gewerbliche Fachschulen. Die Errichtung 
solcher Fachschulen ist ein dringendes Bedürfniss der Gegenwart. 
2. In den Kunstgewerbeschulen begnügt man sich noch mit einem Minimum von 
künstlerischen Anstrengungen , als oh die Kunst, welche das Kunstgewerbe durchdringen 
soll, eine andere und schlechtere Sorte von Kunst sei, als diejenige, welche bei den Arbeiten 
der grossen Kunst in's Auge gefasst wird. 
3. Fehle noch vielfach der re c hte Patriotismus , der das Talent, wo sich das- 
selbe im Inlande findet, aufsucht und fördert. In all diesen Beziehungen sei eine Aenderung 
und Besserung dringend nothwendig. 
(Vorträge über Perspr-ctive.) Herr Architekt Ferstel eröffnete Montag den 
30. October im österr. Museum einen Cyclus von Vorlesungen über Perspective, welche in 
erster Linie für Künstler und Gewerbetreibende berechnet sind. Der Redner wies zunächst 
darauf hin, dass die Kenntniss der Perspective als eine der Grundlagen aller zeichnenden 
Künste zu betrachten sei. Die Richtigkeit dieses Satzes wurde durch eine übersichtliche 
Darstellung der Entwickelungsgeschichte der Kunst ins Klare gesetzt. Der Zweck aller 
bildenden Kunst war von jeher die Nachahmung natürlicher Gegenstände und zwar zunächst 
Nachahmung der menschlichen Figur. Die Nachahmung auf plastischem Wege ging jener 
durch malerische Darstellung voran. Die Malerei in ihrem frühesten Auftreten erscheint 
als Bemalung der plastisch nachgebildeten Gegenstände. Sie konnte daher nur sinnbildlich 
wirken; auf malerische Wirkung im Sinne einer späteren Periode kam es bei ihr nicht 
an. Erst allmählich kam man zur Erkenntniss . dass man durch richtig gezeichnete Um- 
risse im Stande sei, auf das Auge eine solche Wirkung auszuüben, wie sie die plastischen 
Gegenstände selbst hervorbringen. Mit dieser Erkenntniss war dem menschlichen Streben 
ein unermessliches Feld erödnet. Bei eingehender Naturbetracbtimg musste man erkennen, 
dass die scheinbare Form und Grösse vornehmlich von zwei Dingen abhängen: von 
dem Standpuncte des Auges gegen den darzustellenden Gegenstand und von der wirklichen 
Entfernung des Letzteren. 
Die Betrachtung also, dass jede Zeichnung von einem bestimmten Standpuncte auf- 
gefasst werden müsse und dass die Gegenstände je nach ihrer Stellung gegen diesen Stand- 
ort (d. i. Auge des Beschauers) entweder in ihren richtigen Verhältnissen oder verkürzt 
erscheinen, musste zu bestimmten Regeln der malerischen Zeichenkunst führen. Die 
Lehre nun, Gegenstände auf einer Flüche so darzustellen, wie sie dem 
Auge des Beschauers in der Wirklichkeit von einem Puncte aus betrachtet 
erscheinen, heisst die Perspective. Jedenfalls wurde sie schon in der antiken 
Kunst (zur Ausschmückung der Wohnungswände und zur Theaterdecorirung) angewendet; 
im frühen Mittelalter hatte man schon BegriEe von Perspective (Bauen, Dante) und suchte 
dieselben wissenschadlich zu behandeln; doch erst im 13. Jahrh. gelang es Künstlern und 
Gelehrten, die Gesetze der Perspective zu finden. Pietro della Francesca 1398-1484 
war der Erste, der zwischen dem Beschauer und dem darzustellenden Gegenstands eine 
durchsichtige Tafel annahm und darauf aufmerksam machte, dass die nach dem Auge ge- 
zogenen Lichtstrahlen durch ihre Durchschnitte an der Tafel ein ähnliches Bild erzeugen 
müssen, wie der darzustellende Gegenstand selbst. Die ersten gedruckten Abhandlungen 
über Pcrspective sind von Leo B. Alberti, Leonardo da Vinci, Fra Pacciolo und 
Rivius. Die grösste Ausbildung in jener Zeit erfuhr diese Lehre von Albrecht Dürer, 
welcher ein eigenes Instrument zur Bekräftigung der von Pietro de 1a Francesca 
angegebenen Lehrsätze conetruirtß. Dieses Instrument, von den Italienern Sportello ge- 
nannt, wurde auch für die Vorträge im Museum angefertigt und bleibt im Museum, als 
Eigenthum desselben zurück. Der Redner wies nun darauf, wie die grössten Meister wie 
Raphael, Albrecht Dürer, Lucas von Leyden u. A., sich die Mühe genommen, die 
Perspective sorgfältig zu studirexi. 
Während man heutzutage die Perspective häufig nur als ein Hilfsmittel betrachtet, 
architektonische Gegenstände richtig zu zeichnen, war damals die Erkenntniss allgemein, 
dass alle Theile eines Bildes, also auch Figuren, denselben perspectivischen Gesetzen unter- 
liegen, wie denn eine genaue Kenntniss der perspectivisehen Regeln wesentlich dazu bei- 
-) n man: der Zeiuhsnmlzule von Stelnschönnu, deren der Redner bei Besprechung der uumtmm 
Ausstellung gedachte, zum um nähere Nittheilungen im Ocwberhefte der „llitthsilungslW.
	        

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