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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1865 / 2)

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Desshalb hat denn auch das South-Kensington-Museum in London, 
dessen Leitern wohl Niemand den praktischen Blick absprechen wird, nicht 
Bedenken getragen, wenigstens die Hälße der Sammlung um einen ver- 
hältnissmässig hohen Preis an sich zu bringen. Nur augenblickliche pecu- 
niäre Schwierigkeiten haben es verhindert, dass nicht das Ganze. in sein 
Eigenthum übergegangen ist. Um die zweite, völlig gleiche Hälfte 
bewarben sich mehrere Staaten oder Museen und boten den gleichen Preis, 
allein der Besitze zögerte damit, sie hinwegzugeben, weil er sie Deutsch- 
land erhalten wünschte und am liebsten in Oesterreich gesehen hätte. Die 
Möglichkeit dazu bot sich dar mit der Constituirung des österreichischen 
Museums für Kunst und Industrie. Die einsichtsvolle Bereitwilligkeit des 
Curatoriums und das zu Dank verpflichtende Entgegenkommen des Be- 
sitzers, der einen um ein Drittheil ermässigten, in Raten zu zahlenden Preis 
stellte, erleichterten das Arrangement. S0 kam der Ankauf ohne Schwierig- 
keit zu Stande, so dass die Sammlung mit einem sorgfältig und ausüihrlich 
gearbeiteten Katalog sofort in das Eigenthum des österreichischen Museums 
übergehen k." 1te, in dessen Räumen sie sich gegenwärtig befindet. 
Die Sammlung, die wir somit unser nennen, zählt 404 Nummern, aber 
weit mehr Stücke, da oft mehrere zusammengehörige oder ähnliche unter 
einer Nummer begriffen sind. Der Zeit nach umfasst sie, wie schon oben 
erwähnt, das ganze Mittelalter vom siebenten Jahrhundert an und bietet _ 
dazu noch eine grosse Anzahl Stücke aus der guten, nachahmenswerthen 
Renaissance des sechszehnten Jahrhunderts. Einzelne wenige Stücke von 
besonders technischer Bedeutung gehören den beiden letzten Jahrhunderten 
an. Die meisten Gegenstände sind zwar nur Fragmente, aber sie sind doch 
von der Art, dass man ihre Bestandtheile erkennen und das Muster zu- 
sammensetzen kann, so dass sie also in der Hauptsache genügen; viele 
aber sind noch vollständig in ihrer Ursprünglichkeit erhalten, seien sie nun 
Tücher oder Decken oder ganze Gewänder. 
Stoftlich und technisch beta-achtet, finden wir den ganzen Reichthum 
der Erzeugungsweise des Mittelalters vertreten, welches aus der textilen 
Kunst weit mehr und in der That eine wahre Kunst, so zu sagen eine 
Fadenmalerei machte. Wir finden Gewebe, Stickereien, Filets und Spitzen 
rund gemischte Technik, wie sie jene Zeit gern und häufig anwendete. Wir 
linden Seide, Wolle, Leinen in der verschiedenartigsten Verwendung und 
Vermischung; die Seide zum Beispiele angefangen mit dem feinsten Byssus, 
der so zart ist, dass er uns aus der Mährchenwelt jene Fecngeschcnke für 
Prinzessinnen in Erinnerung rief: Kleider, welche man durch einen Ring 
ziehen oder in einer Nussschale bergen konnte, und im Gegensatz dazu so 
dicke Seidengewebe, als ob sie absichtlich für die Ewigkeit bestimmt seien, 
Gewebe, welche modernen Fabrikanten einen Schrei des Entsetzens über 
diese Verschwendung des kostbaren Stoffes entlocken würden. Wir sehen 
ferner, was Seide betrifft, Cendal oder Sendel und Sammt, sodann Seide
	        

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