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Volltext: Monatszeitschrift XVII (1914 / Heft 6 und 7)

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schwächlichen Beinen vielleicht mehr zufällig als bewußt zutage tritt, aber 
darin nicht zum wenigsten den Ernst und die Würde dieses Totenmals 
mitbestimmt. Das Haupt mit dem hohen Pelzhut ist mit einer wunderbar 
feinen Seitenneigung tief in ein einfaches Kissen gesunken, dem in den 
unteren Ecken als wohlabgewogenes Ausgleichungsmotiv Helm und 
Wappen des Verstorbenen in anspruchsloser Kleinheit entsprechen. 
Nirgends ein Zwang, nirgends eine Aufdringlichkeit künstlerischer Intention, 
alles atmet schlichte Selbstverständlichkeit. 
Und der Kopf! (Abb. 24 und Tafel) Eine Persönlichkeit! Wir kennen sie 
nicht näher, aber ungetrübte Ehrlichkeit und unbeugsame Wahrhaftigkeit 
künstlerischen Schauens und Schaffens spricht aus diesen Zügen und läßt 
auch nicht den Hauch eines Zweifels an der überzeugenden Lebenstreue des 
Bildnisses aufdämmern. Eine Stärke der Charakteristik ist in diesem Antlitz 
offenbart, wie sie der deutsche Süden weder in der Bildnerei noch in der 
Malerei bis dahin gekannt hat. Der Bau des Knochengerüstes, die Funktion 
des Fleisches, das bald in dünner Schichte um Stirn und Schläfen sich spannt, 
bald in größerer Fülle um Wangen und Kinn anschwillt und tiefe Buchten 
an der Nasenwurzel und in den Tränensäcken bildet, sind mit einer staunen- 
erregenden Intimität verfolgt, die sich bei jedem Wechsel des Standpunktes 
dem Beschauer in neuen Rei- 
zen und Feinheiten erschließt. 
Man vergleiche zum Beweise 
des Gesagten nur die beiden 
Aufnahmen, vor allem die rech- 
te Wange und den Halsansatz! 
Aber auch hier schildert 
der Meister nicht den Tod, 
sondern er sucht ihn uns in 
seinem Abbild vorzuspieogeln. 
Ein Schlummer, nicht unge- 
trübt von den Schmerzen des 
Tages, ein todwunder und tod- 
müder Mensch, harrend der 
Auflösung des schwachen Flei- 
sches, die sich in den dürren, 
schlaffen Händen mit dem 
Netzwerk ihrer schwellenden 
Adern mehr noch als in dem 
Antlitz vorverkündet. So schuf 
der ungekannte Meister in die- 
ser fast einzig dastehenden Ge- 
stalt ein tief ergreifendes Bild 
irdischer Schwäche und Hin- 
 
Abb. 26. Vom Grabstein der Agnes Ben-lauer in Straubing 
fälligkeit, zugleich aber auch ein (nach Gipsabguß) 
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