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Volltext: Monatszeitschrift XVII (1914 / Heft 6 und 7)

bestrickend erscheint, eine innere Beziehung zwischen beiden anzunehmen. 
Man wird deshalb nicht in einseitiger Überschätzung des kraftvollen Lebens- 
triebes der Kunst unseres Meisters darauf verzichten dürfen, diesen Zusammen- 
hang zu untersuchen, um so weniger, als äußere Umstände bindende Fäden 
zu spinnen scheinen. 
Des Meisters Hauptwerk, der Kastenmayr-Stein, ruft im Kostüm, in der 
pelzverbrämten Schaube und vor allem in dem hohen Pelzhut unmittelbar 
die Erinnerung an Jan van Eycks Giovanni Arnoliini auf seinem Verlobungs- 
bild in der Londoner Nationalgalerie, an seinen „Mann mit den Nelken" 
(Abb. 31) und an den „Burgundischen Kammerherrn" im Kaiser-Friedrich- 
Museum in Berlin wachf Jan van Eyck bekleidete nun in den Jahren 1422 
bis 1424 die hohe Stellung eines Hofmalers und Kammerdieners am Hofe 
Johanns III. von Bayern, des Bischofs von Lüttich. Es war dies der 
jüngste Sohn Herzog Albrechts und der Bruder Herzog Albrechts des 
Jüngeren, dem er die oben erwähnte Prachttumba in der Straubinger 
Karmelitenkirche stiftete. So verlockend es nun wäre, eine Abhängigkeit 
des - wagen wir den Ausdruck - bayrischen Hofbildhauers vom nieder- 
ländischen I-Iofmaler anzunehmen, so fragt es sich doch, ob wir uns dabei nicht 
allzusehr von der Äußerlichkeit des Arnoltini- und Kastenmayr-Kostüms 
leiten und verführen lassen. Wenn Hut und I-Iabit Ulrich Kastenmayrs 
auch in erster Linie niederländisch-burgundisch anmuten, so darf uns dies bei 
dem damaligen bestimmenden Einfiuß jener Gebiete in Modefragen um 
so weniger wundern, als die Personalunion Straubing-Holland der Ein- 
führung von „Neuheiten" aus dem Norden und Westen ganz besonders 
förderlich sein konnte. Für Kastenmayr, der einer großen Handelsgesellschaft 
angehörte, gab sich vielleicht dadurch noch um so günstigere Gelegenheit, 
sich „modisch" zu kleiden." Weitere Schlüsse lassen sich aus dieser Mode- 
frage nicht ziehen. Das Arnollini-Bild entstand überdies erst 1434, der „Mann 
mit den Nelken" zu gleicher Zeit oder noch etwas später und der „burgundische 
Kammerherr" wohl erst gegen 1440. Weit wichtiger erscheint mir aber für 
diese Frage, daß der starke realistische Sinn bei unserem Meister schon um 
1415 durchbrach, als er seinen Petrus Pienzenauer schuf und ihn noch 
konsequenter beherrschte, als er - spätestens - 1420 seinen Jakobus 
Hinderkircher meißelte, zu einer Zeit also, wo sich die künstlerische Persön- 
lichkeit Jan van Eycks für uns noch in Dunkel hüllt. Und haben wir, worauf 
schon oben verwiesen, in den Bildnissen des Abtes Farcher von Seeon, 
gestorben 1412, des Abtes Zipfler, gestorben 1417, in Raitenhaslach'"'"" und des 
" Wilhelm Bode, Jan van Eycks Bildnis eines hurgundischen Kammerherm im Jahrbuch der preußischen 
Kunstsammlungen" XXII (1901), S. 1 15. Weale sieht in dem "Mann mit den Nelken", der das Antoniuskreuz mit 
der Glocke trägt, einen burgundischen Rat, entweder Antoine de Vergy oder Antoine de Toulougeon, in dem 
„burgundischen Kammerherrn", der das Goldene Vlies trägt, Baulduyn de Lannoy, der 1430 bei der Gründung 
des Ordens vom Goldenen Vliese als einer der ersten Ritter damit ausgezeichnet wurde. Vgl. die Gemäldegalerie 
des Kaiser-Friedrich-Museums, Katalog von Hans Posse II (1911), S. 99. Das letztere Bild kann also frühestens 
1430 gemalt sein. Da Baulduyn etwa 1387 geboren war, wir in dem Bilde aber einen Mann von wenigstens 
fünfzig bis sechzig Jahren vor uns haben, dürfte es kaum vor 1435 entstanden sein. 
"n Vgl. Anmerkung S. 23. 
"u Abbildungen bei Ph. M. Halm, Hans Heider, a. a. 0. S. 433, 434, 446, 447.
	        

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