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Volltext: Monatszeitschrift XVII (1914 / Heft 6 und 7)

„Leben". „Gleichwie der Leib im Leben schon aus jugendblüte Alter 
zeugt, erzeugt sich wieder neu der Leib." 
„Frühling". „Es ist ein Ewiges, das wandelt und das bleibt, das in sich 
selber ruht und ruhlos treibt." 
Nach solchen Erklärungen läge es nahe, an eine literarische Kunst zu 
denken, die ihren Wert aus ihrem Inhalt und poetischen Gedanken erborgte. 
Bei der Malerei wäre diese Gefahr gegeben. In der Plastik aber liegt es 
prinzipiell anders, liegt es vor allem gegenüber I-Ioetgers Werk so, daß jede 
Gestalt und jedes Relief ihre formale Motivierung in sich selber findet und 
rein als Gebilde von Stein zu genießen ist; daß aber der übergeordnete 
Sinn sie alle zusammenfaßt und einem göttlichen Gedanken untertan macht, 
wie die Einheit des Platanenhains und der Rhythmus der ringsum geführten 
Nischen, in denen sie stehen, sie räumlich bindet, nicht in dem mangelhaften 
Sinne eines profanen Beieinanders von Alltagsmenschen in einem Saal, 
sondern in der künstlerischen Gebundenheit einer architektonischen und 
daher idealistischen, übermenschlichen Reihung. In einem solchen Zu- 
sammenhang wäre eine realistische Skulptur verloren, ja völlig undenkbar, 
und nur der umwandelnde, vereinfachende Stilwille I-Ioetgers konnte sie 
auch kubisch einer solchen Aufgabe unterwerfen. Daher findet man durch- 
gehends die gleiche Geschlossenheit der Massen, den gleichen körnigen, 
auf lapidare Form drängenden Muschelkalkstein und in der wundervollen 
Bemalung, die lebendig macht und doch so himmelweit vom Naturalismus 
steht, wiederkehrend die wenigen gleichen Grundfarben und in den Augen 
den nämlichen still verträumten Ausdruck; findet, um die Art der Ver- 
lebendigung näher zu bezeichnen, die Gebärden leise, gemessen, wie unter 
dem Einfiuß des Gedankens an Nirwana, und die Körperformen von einer 
ruhevollen Allgemeingültigkeit, wie die Gewänder in wenigen Faltenlagen 
konzentriert und die Köpfe unpersönlich und typisch. Diese Formen 
steigern sich zu tiefer Innerlichkeit in der sterbenden Mutter, deren herrliche 
Beseeltheit auf so wenigen Bewegungen und Kontrasten beruht; sie 
erheben sich in den vier Reliefs zu einem Reichtum der Ausdrucksfähigkeit, 
der an der Schwierigkeit, mit derselben Komposition von sechs stehenden 
und fünf kauernden Figuren viermal verschiedene Zustände auszudrücken, 
sich lediglich zu besonderer Stärke und Süßigkeit steigert, wie Wasser durch 
ein Stauwerk erst Nachdruck erhält. Diese Reliefs sind im Aufbau, in der 
gleichmäßigen Belebung der Oberfiächen, in dem Fließen und Wogen der 
Linien einander in der Tat so verwandt, daß man die Sprache der Plastik 
klar zu deuten verstehen muß, um die vier Symbole aus ihnen mit der 
Intensität herauslesen zu können, mit welcher der Künstler sie eingrub. 
Und doch: wie rein und überzeugend drückt sich in den blumenhaften 
Gestalten ihr wechselnder Zustand aus! 
Es. ist meines Wissens von der neueren Kunst noch nicht der Versuch 
gemacht worden, Gruppen von Figuren in einen geistigen und räumlichen 
Zusammenhang zu bringen. Sowohl Rietschels Luther-Denkmal in Worms
	        

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