MAK

Volltext: Monatszeitschrift XVII (1914 / Heft 6 und 7)

kurrieren. Hierfür lassen sich viele Maler zu Konzessionen im Sinne der alten Schule 
verleiten. Es entstehen daraus Gebilde, die weder die Qualitäten der älteren Meister noch 
jene der modernen Richtung besitzen. 
Über die Zeitverschwendung, welche die meisten der 2000 Bilder, in 43 Sälen, dar- 
stellen, muß man ein unwillkürliches Bedauern empfinden, es wäre denn, daß diese vielen 
Künstler einzig und allein zu ihrem Vergnügen, als Zeitvertreib, gearbeitet hätten! Trotz 
der Bezeichnung „Artistes Francais" ist das ausländische Kontingent des Salon sehr 
bedeutend und in der Qualität proportionell den französischen Arbeiten überlegen. Dieser 
Umstand konnte auch von der Pariser Kritik nicht übergangen werden, doch wird man 
sich hüten, in gewissen Blättern die Vorzüge eines Ausländers eingehender zu erwähnen, 
es sei denn, daß es sich um eine Weltberühmtheit handelt. 
Ich will zuerst die besten Eindrücke erwähnen, die dem Besucher bevorstehen. Man 
suche die Bilder von Paul Chabas „Baigneuses de Lune", badende Mädchen im Mondlicht, 
daneben ein virtuoses Frauenporträt in orangefarbigem Samtkleid (Madame Marghilo- 
man). Die beiden Bilder von Antonin Calbet „Daphnis und Chloe" und „Jeune Mere" 
sind reizende phantasievolle Darstellungen. Einen angenehmen Rückblick bietet uns „la 
Fete de Pan", dekoratives Panneau, von Bouffanais; es erinnert ein wenig an die schwung- 
vollen Kompositionen, mit denen Besnard seinen Ruf begründete. 
Sehr viele badende Frauengestalten und Ausblicke aller Art auf das Meer bereiten 
dem Besucher einige erfrischende Illusionen, regen aber auch den Wunsch an, die 
ganze künstliche, lärmende und staubige Stadtatmosphäre zu fliehen. Unter den Aktstudien, 
von denen ich eben sprach, merkt man sich das Sonnenbad von Paul Gervais, die Dame 
bei der Toilette von Delpech, eine sonderbare schaumgeborene Venus, deren blonde Locken 
zu Berge stehen, moderne Nymphen auf den sonnigen Gestaden von Capri von Jean 
Lefeuvre. Sehr pikant wirkt ein amüsantes Bild von Edouard Zier: „Nature et Artifice": 
Rechts und links vom Baum der Erkenntnis die Eva von dazumal und die hypermoderne 
geschminkte Frau von heutzutage. Eine Mutter bei der Morgentoilette ihres kleinen Kindes 
von Michele Loffredo ist ein vorzügliches Stück Arbeit. Leandre ist ergreifend durch die 
Schlichtheit seiner künstlerischen Auffassung: die beiden altmodischen bürgerlichen 
Gestalten „Ma Normandie" sind wie ein Lied aus alter Zeit. 
Meister I-Ienri Martin ist hier, wo sich seine Kunst im großen Rahmen zeigt, wieder 
einzig in seiner Art. Das große Stück, ein Wandgemälde, für den justizpalast bestimmt, 
gehört nicht gerade zu den malerischesten Effekten, die wir von dem Künstler kennen, es 
ist ein lebendiges Stück Alltagsleben: der Aufbau eines modernen Gebäudes in voller 
Tätigkeit mit unzähligen Figuren von Arbeitern. Diese Darstellung der Arbeit (das Bild 
heißt: „le Travail") ist zweifelsohne viel moderner wie all jene allegorischen Gestalten, mit 
denen in Künstlerkreisen gar zu viel Unfug getrieben wird. Das zweite Bild von I-lenri 
Martin ist einfach schön; „Dans la Lumiere" ist ein Stück Sonnenlicht, welches ein 
schlichtes ländliches Paar verklärt. 
Man bleibt gern einen Augenblick stehen vor der prunkvollen Sommernacht am 
Seeufer, „Noctume" genannt. von Matignon, Sentimentale Naturen werden auch für den 
alten Mann, der einsam vor einem ärmlichen Kamin träumt, einen mitleidigen Gedanken 
empfinden. Das Bild „Seul" von Jean Rachmiel ist vorzüglich gemacht. 
Es gibt doch noch Maler, die sich bemühen, historische Ereignisse in packender 
Weise zu rekonstruieren. In dieser Art, zumeist schauerlieher Natur, wären immerhin 
folgende Arbeiten zu erwähnen: „Heinrich lll. betrachtet den Leichnam des auf seinen 
Befehl ermordeten Herzogs von Guise". Solche Szenen haben leicht etwas Panoptikum- 
artiges, doch hat Louis Azena diese Aufgabe recht gut gelöst. „La Fin d'un Souper 
romain", nach einer römischen Orgie, enthält natürlich auch einen Leichnam; es ist in der 
Komposition recht geschickt durchgeführt, gezeichnet Tourne. Der Bürgerkrieg von Adrien 
Leroy ist ein unheimliches Durcheinander von verwundeten Menschen in eingestürzten 
Mauern.
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.