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Volltext: Monatszeitschrift XVIII (1915 / Heft 5)

noch in die Höhe, nicht in die Tiefe, und die Verkleinerungen der Ferne 
wirken durch die Bleifassungen flach anstatt perspektivisch. Hierin und in 
der Überziehung der ganzen Fenster mit annähernd gleich aufgeteilten Glas- 
stücken mag man den Hauptteil des Geheimnisses betrachten. Es blieb den 
gleichzeitigen Niederländern überlassen, wie sie in der Tafelmalerei die 
Nachäffung der römischen Hochrenaissance zur Karikatur steigerten, so 
auch in der Glasmalerei ihren Ehrgeiz in perspektivischen Verrenkungen zu 
suchen ; wie das vor allem Dirk van Star verstand. 
Köln war der einzige Ort in Deutschland, an dem sich das Monumental- 
fenster bis zur Mitte des XVI. jahrhunderts behauptete. Das hing mit seinem 
entschlossenen Festhalten am Katholizismus zusammen, während im 
übrigen Deutschland die Reformation durchaus die Lust am Stiften so 
großer Objekte verwirrte, ja zerstörte und damit die Glasmalerei auf das 
Gebiet der Scheibenbilder drängte. So entfaltet sich die Glasmalerei fast 
ausschließlich in dem kurzen Zeitraum von 1480 bis 1520, der die Hauptwerke 
deutscher Kunst überhaupt entstehen sah. 
Der alte Gegensatz der Kölner Schule, deren Fenster zu vier Fünfteilen 
farbloses Grisailleglas enthielten, zum Oberrhein mit seiner Vorliebe für 
starke Farben prägt sich jetzt noch großartiger aus. Seit 1470 etwa beginnt 
eine- Blüte der Glasmalerei mit Straßburg als Mittelpunkt, die an Ausdehnung 
und künstlerischer Herrlichkeit Köln noch hinter sich läßt. Die erste und 
glänzendste Periode kristallisiert sich um den Namen Hans Wild, die zweite 
um den Hans Baldungs. Aber auch Namen wie die Schongauers, des Haus- 
bucbmeisters, Mathias Grünewalds und Wechtlins sind eng mit ihrer Blüte 
verknüpft. 
Erst die Forschung der letzten Jahre hat uns die erstaunliche Fülle der 
Meisterwerke gezeigt, die im letzten Viertel des XV. jahrhunderts in Süd- 
deutschland entstanden, und sie mit der außerordentlich fruchtbaren Werk- 
statt und Persönlichkeit des Hans Wild in Zusammenhang gebracht. Dieses 
Verdienst (das namentlich Frankl gebührt) ist ein ausschließlich stil- 
kritisches, da den Ausgangspunkt für diese Untersuchungen im wesentlichen 
nur eine Inschrift auf dem Krameramtsfenster von 1480 im Chor des Ulmer 
Münsters bildet. Es ist allerdings erstaunlich, in welchen Gegenden die 
wandernde Werkstatt Hans Wilds ihre Spuren hinterlassen hat; in der 
Stiftskirche zu Urach 1471 und der zu Tübingen 1476, in St. Magdalena zu 
Straßburg, im Münster zu Ulm, in Friedberg in Hessen, Konstanz und 
Nonnberg bei Salzburg 1480, das Volkamer-Fenster zu Nürnberg 1487 und 
Lauterbach im badischen Schwarzwald nach 1488; 1499 im schwäbischen 
Langenburg, jedoch nur Schulwerk; ferner noch in Zabern und St. Wilhelm 
zu Straßburg. Und diese Fenster sind alle noch an ihrem Platz zu finden, 
nur St. Magdalena in Straßburg ist leider 1904 verbrannt, und die Scheiben 
aus dem Konstanzer Kapitelsaal sind in Sammlungen zerstreut. 
Die bedeutendsten und umfangreichsten sind die in Ulm und das Vol- 
kamer-Fenster in St. Lorenz zu Nürnberg. Der Wildsche Stil ist vollkommen
	        

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