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Volltext: Monatszeitschrift XVIII (1915 / Heft 5)

KLEINE NACHRICHTEN S0 
IENER MODEKUNST UND -INDUSTRIE. Clausewitz, der Stratege 
sagt: „Der Krieg ist eine Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln." Man kann 
weiter sagen, die angespannten Bemühungen österreichischer und deutscher Modenarbeit, 
sich von der langen Auslandsherrschaft mindestens zur Freiheit und Gleichheit, zum 
Mitrede-Recht durchzuringen, sind wieder Fortsetzung des Krieges mit andern Mitteln, doch 
immer zu dem gleichen Zweck und Ziel: nämlich für jeglich strebendes Bemühen die 
Dauer und Befestigung der nationalen Existenz in möglichster Unabhängigkeit von allem 
Fremden zu begründen. 
Ein Wahrzeichen solch großer einheitlicher Zusammenhänge ist es, daß jetzt eine 
Gesandtschaft unserer österreichischen Bundesbrüder zu förderlicher Gemeinschaft uns 
aufgesucht und in einer friedlichen I-leerschau die Früchte neuer Tätigkeit vorgeführt hat. 
Das anfängliche Mißverständnis über die so leidenschaftlich einsetzenden Mode- 
bestrebungen scheint ja nun behoben. Allgemeiner erkennt man, daß es sich hier nicht um 
unpassende und in so blutig schwerer Zeit unangemessene Eitelkeitsspiele dreht, sondern 
daß hier eine wichtige Frage der Volkswirtschaft und unseres Anteils am Welthandel zum 
Austrag kommen und verfochten werden soll. 
Und dieser nationalökonomische Sinn der Sache tut sich bei der österreichischen 
Mode-Gastreise darin kund, daß dabei nicht einzelne Firmen Sonderinteressen treiben, 
sondern daß als Teil einer vom k. k. österreichischen Ministerium für öHentliche Arbeiten 
veranlaßten und vom k. k. Gewerbeförderungs-Amt in Wien organisierten großzügigen 
Aktion eine Wiener Modellgesellschaft begründet wurde, über welche die Niederöster- 
reichische Landesgewerbeförderung das Patronat übernahm. 
Im Kaiserhof fand die Vorführung der von der Wiener Modellgesellschaft her- 
gestellten Arbeiten vor einem geladenen Kreis statt. (Vertreten waren die Behörden, die 
Handelskammer, Theater, Presse.) 
Aus der mannigfaltigen Fülle blieben am bemerkenswertesten eine Reihe von Jacken- 
kleidern. 
Frack- und Schwalbenschwanzform wechseln, dann gibt's aus dem kurzen Vorder- 
stück seitlich entwickelt als Übergang zum Rundschoß Hüftbahnen, in spielenden I-larmonika- 
falten oder tütig. Die Weste kommt sehr zur Geltung unter den flott abgestochenen Rändern. 
Sie ist aus weißem Pikee, aus Goldbrokat; einmal zum Bananengelb der Jacke rosentapeten- 
mustrig, ein anderesmal wächst sie im Rücken als dreieckige Überfallklappe über die Jacke 
heraus, capuchonartig mit Troddel. 
Sehr anmutig wirken dabei die Tüll- und Battistkragen, die über die nach der Bieder- 
meierweise hochgestellten Doppelstoffkragen sich legen. . 
Besonders reizvoll erschien solch weißer Dekor in der Kragen- und Manchetten- 
garnitur von Richelieu-Technik zu dunkeltoniger Seide mit mattrosa Streubluinen. Das ist 
so recht der geeignete Stoff für die Gavottenlieblichkeit des weiten Rockes, und sein roman- 
tisch-sentimentaler Charakter bekennt sich reizvoll in dem Exemplar, das als unteren 
Abschlußrand eine weiße Spitzenkrause trägt. 
Hier fühlt man Alt-Wien und man Fühlt es auch vor dem Kleid aus weißem Schleier- 
stoff mit seiner grünen Farrenkrautstickerei auf den Vorderblättern der Jacke. Und ihm 
möchte man das Motto „Wiesenthal" geben. 
Der neue weite Rock zeigt verschiedenfältige Gesichter. Die eben skizzierte bauschige 
schweifige Glocke e um im tiefen Knix (compliment prolonge) darin zu versinken - kommt 
seltener vor, sie ist eine Nachfahrin der Krinoline, aber ungesteift und ungereih. 
Die häufigere Form bleibt die aus dem engen Rock entwickelte, mit straff formierender 
Passe um die Hüfte, schmal herausfallenden, mehr nach den Seiten als nach vorn und 
hinten dirigierten Falten. Dies und die entschiedene Fuß- oder vielmehr schon Bein- 
freiheit erweist deutlich die Schlankheitstendenz der jüngsten Richtung. Am gelungensten
	        

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