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Volltext: Monatszeitschrift XVIII (1915 / Heft 5)

vertritt das vielleicht ein graues Kostüm mit tonig schimmernder Stickerei. Das ist ganz 
„Dame". 
Ein bißchen nach Redoute und „Drah'n" schmeckt das weiße „Gewandel" mit den 
pludrig quellenden schwarzen Seidenärmeln und das schwarze, mit römischen Streifen 
ausgeschlagene Mephistophela-Cape mit den langzipfelig wehenden Serpentiniiügeln. Man 
möchte es die „Fledermaus" nennen. 
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Einige Tage nach der Schaustellung der Wiener Modellgesellschaft gab auch die 
Wiener Werkstätte eine Gastrolle. 
Der Einliuß des Krieges auf ihre Arbeit zeigt sich im Zurücktreten der festlich 
phantastischen Kompositionen zugunsten einer lebendigen täglichen Gebrauchskleidung, 
die bei aller Einfachheit im Griff des Entwurfs, in der Farbentönung, in der reizvollen 
Betonung durch kleines schmückendes organisch gefügtes Beiwerk den wählerischen 
Geschmack des kultivierten Hauses erweist. 
Auffallend erscheint diesmal das Versagen bei den wenigen Exemplaren des reich 
ausgestatteten gesteigerten Abendanzuges, den man wohl nicht ganz in dieser Schau aus- 
lassen wollte. Das schwarze, schwer und langschleppende Seidenkleid mit den aus lang- 
geschlitzter Vorbahn quellenden Spitzen und den priesterlichen Ärmeln atmet Wachs- 
kerzenduft vom „Pompe funebre"; man denkt an Königinwitwe und Fürstengruft. Und 
umgekehrt das Gewand im zackig gelappten, bauschig gewirbelten Überwurfstil aus 
weißem Tuch, handbedruckt mit schwarz blaugrauen Ranken wirkt mummenschanzhaft, ein 
Kleid der Laune für das Shakespearesche Lustspiel einer Sommernacht. Man möchte 
glauben, daß die Künstler der Wiener Werkstätte in ihrem stets untheoretischen und auf 
den regsamen Zusammenhang mit der Umwelt gerichteten Wirklichkeitssinn, diesmal 
aus gutem Grund nicht in Tanz- und Glanzstimmung waren und diese Aufgaben nur 
künstlich und ohne tiefere Beteiligung lösten. Viel freudiger und daher einfallsvoller 
nahmen sie sich jetzt, der Zeit hingegeben, des Alltagskleides an und pflegten es mit feiner, 
zurückhaltender, taktvoller l-Iand. Anmutige Spielarten sah man. S0 die lockere kurze Jacke, 
die im Rücken frei pendelnde unten ausgerundete Capeform zeigt. Sie erscheint mit und 
ohne Rückenfalte. Letzteres ist für die Figur vorteilhafter. Aus dem Capestil stammen auch 
die wie Miniaturpelerinen von der Achsel über die Ärmel fallenden kurzen Stoffbehänge. 
Mit den unauffälligen Grundstoffen, dem blauen Tuch, dem gelbbraunen Covercoat 
mischen sich besonders abgewogene dekorative Züge. Zum blauen Tuch graublau blumiger 
Damast von dumpf verschleierter Farbenfülle als Belag der breiten Aufschlagklappen und 
als Wickelgürtel; zum gelbbraunen Covercoat Besatz und Randstickerei aus rilliger 
schwarzer Wolle, dazu eine Weste aus grün-weiß-schwarzer Netzhäkelei. 
Lieblingsform scheint daneben das Mantelkleid, bei dem der lang herunterreichende 
Jackenteil mit dem weit ausfallenden Rock eine Einheit bildet. Gliederung gibt der reifen- 
artig herurngeführte Besatz, häufig aus Tresse, die schnürend zusammenfassend wirkt und 
den Übergang aus der modellierenden Enge zum faltigen Glockenspiel angibt. Die „Dauben" 
des Kleides könnte man sie nennen. 
Als Merkmal der Röcke fallt auch bei diesen Modellen die Kürze auf, und zwar so 
angelegt, daß sie vorn am kürzesten, an den Seiten aber, wo auch in Kniehöhe die ver- 
breitemden Dütenfalten einsetzen, etwas länger. Der untere Rand ist oft ausgezackt. 
Reizende ldyllen sind die ländlichen Sommerkleider: Kostümpastoralen mit leichtem 
und leisem Anklang an Volkstracht mit bauschig bäuerlicher l-Ierndbluse und Mieder, aber 
auch zierlich kokett in weiß Etamine mit Lochstickerei, und der darunter vorlugende Rand 
des mattblauen Ponge-Unterkleides zeigt Längsbahnenbesatz aus schmalen Spitzen- 
streifen. 
Die Wiener Werkstätte ergänzt ihre Toiletten selbst durch eigengeartete Hüte und 
Kappen, sowie durch sehr sonderliche Schirmchen mit Glocken- und Pagodendach.
	        

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