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Objekt: Alte und Moderne Kunst XXII (1977 / Heft 151)

Für den Kunstsammler 
 
Franz Wagner 
Zu neuen Forschungen über die 
gotische Plastik in Tirol 
Theodor Müller, Honorarprofessor der Münchner 
Universität und bis 1968 Generaldirektor des 
Bayerischen Nationolmuseums, ist von allem An- 
fang seiner wissenschaftlichen Arbeit an der 
kunstgeschichtlichen Forschung in Tirol verbunden. 
Seine grundlegende Monographie von 1935 „Mit- 
talalterliche Plastik Tirols, Von der Frühzeit bis 
zur Zeit Michael Pachers" wurde zu einem nun 
seit mehr als drei Jahrzehnten vergriffenen und 
gesuchten Standardwerk. Hatte dieses Buch zeitlich 
nur bis in das Dezennium vor den Frühwerken 
Pachers gereicht, hat dann Müller den weiteren 
Weg unter anderem 1948 in einem umfangreichen 
Aufsatz „Zur Erforschung der spötgotischen Plastik 
Tirols" (erschienen in den „Veröffentlichungen des 
Museums Ferdinandeum in Innsbruck") aufgezeigt. 
Für die weitere Arbeit wurden dann die Ergebnisse 
von drei Ausstellungen, welche konfrontierende 
Untersuchungen ermöglichten, bedeutsam: „Mittel- 
alterliche Kunst Südtirols" (Bozen 1949, Katalogtext 
von Niccalo Rosmol, „Gotik in Tirol" [Innsbruck 
1950, Vinzenz Oberhammer) und „Spötgotik in 
Tirol" (Wien 1973, Erich Egg und Gert Ammann). 
Zu einzelnen Meistern erschienen wichtige Mono- 
graphien, etwa; Niccolo Rasmo, Der Multscher- 
Altar in Sterzing, Bozen 1963; Gisela Scheffler, 
Hans Klocker, Innsbruck 1967; Manfred Tripps, Hans 
Multscher, Weißenhorn 1969; Niccolo Rasmo, 
Michael Pacher, München 1969; Vinzenz Ober- 
hammer, Das Goldene Dachl zu Innsbruck, Innsbruck 
1970; Oswald Kafler und Kosmos Ziegler, Der 
Schnatterpeck-Altar zu Lana, lnnsbruck 1970; Eva 
Kreuzer-Eccel, Hans von Judenburg und die Plastik 
des weichen Stils in Südtirol, Calliano, o. J. 
Nun hat Theodor Müller im Athesia-Verlag Bozen 
eine umfassende Publikation' über die organischen 
Zusammenhänge der plastischen „Produktion" in 
Tirol von der frühen Gotik bis zum Ausklang dieser 
Kunst in maximilianischer Zeit vorgelegt. Müller 
ist es dabei in meisterhafter Diktion überzeugend 
gelungen, „an maßgeblichen Werken das Besondere 
der Leistungen der Bildhauer und Bildschnitzer der 
Gotik in Tirol aufzuzeigen" wie auf die Ver- 
flochtenheit mit den gleichzeitigen bildnerischen 
Kräften in Süddeutschland, in den Ostalpen und 
in Oberitalien hinzuweisen. „Bei allen Aussagen 
können wir nicht eindringlich genug betonen, wie 
sehr unsere Kenntnisse und Überlegungen durch 
die Zufölligkeit der Erhaltung der Obiekte und 
der Quellen bedingt sind. Wir können also nur 
ein Wahrscheinlichkeitsbild entwerfen." 
Wie faszinierend solch ein „Wahrscheinlichkeits- 
bild" sein kann, zeigt der großartige Kruzifixus 
des Benediktinerstiftes Gries bei Bozen - ein 
„signifikantes Beispiel der überregionalen Aus- 
breitung des frühen ,gotischen' Stiles zu Beginn 
des 13. Jahrhunderts" -, der sich radikal unter- 
scheidet von der schweren Wucht der in Tirol so 
eigentümlich geprägten spätromanischen Holz- 
skulpturen. Im Zuge der zum Meditativen neigen- 
den religiösen Verinnerlichung wurden damals 
die herkömmlichen Bildinhalte in einer neuen 
veristischen Eindringlichkeit anschaulich gemacht. 
Demgegenüber stehen Werke der Steinmetzkunst 
aus den Bauhütten, wie der prachtvolle „hl. Niko- 
laus" neben dem Südportol der Pfarrkirche in 
Meran. 
Als Hinweis für das schwer zu entflechtende Pro- 
blem der Unterscheidung von lmpartwerken und 
Leistungen örtlicher Werkstätten, wie als Beispiel 
für das neue Phänomen iener isolierten Bildwerke 
der „Schönen Madonnen" und der „Vesperbilder", 
diene die anstelle des ursprünglichen Tymponons 
in das romanische Portal der Marienberger Stifts- 
kirche eingefügte Skulptur einer thronenden 
Muttergottes, wie die Krumauer Madonna wohl „in 
der gleichen in Südböhmen oder in Wien zu 
lokalisierenden Werkstatt entstanden". 
Die eiiieea" che Kunstwissenschaft hat eiis dei „Dialekt- 
fOrSChUrl H großen Nllfleft gezogen und sich ein reines 
oigdn ür die Unterscheidung etwa rheinischen, fränkischen, 
schwäbischen oder bayerischen Wesens gesehenen. Elfte 
„sfdmmeskurlde" dei spätmittelalterlichen Plastik in den 
Alpenländern begegnet ungleich schwierigeren VGTDUS- 
Setzungen. uenn das tägliche Leben und künstlerische 
Schaffen in ieriem schmalen RUUITI an dei Grenle ZU 
unendlich scheinender Weite wdi voll von Spannungen; 
Härte, Verschlossenheit und Schwerblütigkeit können 
gleichzeitig neben Milde und Sinnesfreude stehen - in 
den deutschsprachigen Talschaften nicht dndeis die in den 
rütaramanischen und italienischen. 
und dann - was ist eigentlich diese Kunstlandschaft 
„riiewr aein aidren Meinhard ll. VOVI oeis (1258-1295, 
zugleich Herzog von Kärnten) wdi es gelungen, des Etsch-, 
Eisack- iind lnntal in einer Hand siisdinineniiiidssen und 
 
 
 
  
damit ein eiiind ndiaiiiehei iind historischer veidiis- 
Setzungen das „Land im Gebirge" zu schaffen-i Kaisi 
xbii IV. belehnte dann 1364 Herzog Rudolf von osie 
mit dei Grafschaft Tirol. Aber das Pustertal gehorte 
1500 lUf Grafsdtüff GÖIZ, die Bezirke xiirsiein, Kitzl: 
und Rattenberg bis in die gleiche Zeit zu Oberbayer 
Das Bistum Brixen war Bestandteil des Metropolitam 
bandes Salzburg, der Vinschgau war in kirchlicher 
Beziehung dein ßisiiiii. chii, siiiiidgen des Eiibisiiii 
Mainz, einverleibt. Nimmt man dazu, daß das Bistur 
Trient, zum Heiligen Romischen Reich ueiiisihei Nah 
gehörend, bis ZUm nie des sdbenei beiges reichte U 
zum Metropalitanverbond von Äqulleid zahlte, dann 
abgesehen nach vom ständigen Hin und nei an den 
Paßstraßen - die Vielschichti keit dei Kräfte und rd. 
diieh und V01 allem im Bereic dei Künste, vollends 
deiiiiieh. 
1 Thronende Schöne Madonna, um 1400. Mar 
Vinschgclu, Stift ' (he 
2 Zw Heilige Könige und ein Diener aus einer Ai 
T olisch, um 1490. Lindenholz vollrund geaibeite 
Höhe des stehenden Königs 46 cm. lnnsbruck, 
museum Ferdinandeum 

	        

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