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Volltext: Monatszeitschrift XIX (1916 / Heft 3 und 4)

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lang durchgearbeiteter Doktrin entsprungenen Klassizismus, der das ver- 
gangene Jahrhundert einleitete und der als eine stete, bald stärker, bald 
schwächer zur Geltung kommende Komponente aller Kunstbetätigung 
betrachtet werden rnuß. 
ZUR GESCHICHTE DES EISENGITTERS Sir 
VON PAUL F. SCHMIDT-OFFENBACH A. M. 5t- 
ISEN und Glas, die beiden neuesten Baumittel, 
haben mancherlei Verwandtes in ihrer kunstge- 
Kunstform verlief beinahe entgegengesetzt; abstei- 
gend die der Glasmalerei, späte Entfaltung beim 
' Gitter. Aber in ihrem tektonischen Verhältnis sind 
i sie einander gleichgeordnet gewesen. Die großen 
Schöpfungen des Schmiedeeisens sind, wie die 
monumentalen Glasfenster, nur in ihrer ursprüng- 
lichen Gebundenheit, als Einfügmg in den ihnen 
bestimmten Bau, wahrhaft zu verstehen und zu genießen. 
Aber die Technik des Schmiedeeisens bedingte es, daß am Anfang der 
Entwicklung, in der ausgehenden Gotik des XV. Jahrhunderts (denn frühere 
Epochen kommen für die künstlerische Bearbeitung kaum in Frage oder 
schalten aus Mangel an erhaltenen Beispielen aus), die Formung des Gitters 
einem andern Gesetz unterliegt als die Baukunst. Die Architektur bietet 
allenthalben das Bild einer Auflockerung der Massen und Vielfältigkeit der 
malerischen Motive; das Gitter im Gegenteil: gedrungenes Zusammen- 
schließen zu unzerstörbar festen Stabnetzen, deren sparsamer Schmuck 
sich nur selten die Gestalt von der Stein- und Holzarchitektur erborgt. Schon 
hier erweist sich der Charakter des Eisens in seiner spröden Selbständigkeit 
gegenüber den Ornamenten des Kunstgewerbes. Mit der Absicht unzerstör- 
baren Verschlusses machte man noch bitteren Ernst; die Natur der unge- 
heuren Donjons aus der Zeit des elften Ludwig ist auch in diesen Gittern, 
die ihre Ahnen in den Fallgattern der Burgen zu haben scheinen. 
Eine Geschmacksänderung schärfster Art erschuf die zarten Schnörkel- 
gitter des XVI. Jahrhunderts. Der Bruch mit der Tradition ist so schroff, 
daß er psychologisch als unlösbares Rätsel erscheint. Denn nicht die ein- 
brechenden italienischen Formen gestalteten das Gitter um, sondern die 
Arbeitsmethode des deutschen Handwerks. An die Stelle der wuchtigen 
vierkantigen Stange trat der dünne Rundstab, dessen leichte Biegbarkeit 
zu einem Linienspiele von reinstem Kalligraphengeschmack verwendet 
wurde. Oder hat sie dazu verführt? Tatsache ist, daß das kraftliebende 
XVI. Jahrhundert in dem Handwerk, das die größte Körperkraft erforderte, 
nur von zierlichen Durchsteckarbeiten und kalligraphischen Mustern wissen 

	        

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