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Volltext: Monatszeitschrift XIX (1916 / Heft 3 und 4)

Mitleidenschaft zog. Und es erwies sich, daß das Rokoko dem germanischen 
Geschmack näher lag als alle andern fremden Importe. Kein Volk hat 
diesen Stil so bis ins Extrem getrieben und seine Phantastik bis in die letzten 
Gründe ausgekostet wie das deutsche. 
Von Frankreich kam die neue Lehre. Sie konnte nur da entstehen, wo 
ein königlicher Wille sich in der Architektur durchsetzte. Unter Ludwig XIV. 
entstanden Gitteranlagen monumentaler Art, die Architektur zu ergänzen. 
Versailles wurde auch hierfür der glänzende Prototyp der Residenz. Mit 
schwerstem Barockprunk begann die Regierung Ludwigs; ihm entsprachen 
die ungeheuren Eisentüren Jean Marots, welche jetzt im Louvre sind. Die 
Pracht des Akanthus, des figürlichen Beiwerks, der Baluster und der feinen 
 
Oberlichtgitter vom Rathausportal in Nürnberg (nach Roeper und Bosch) 
geometrischen Ornamentbänder machen sie zu Meisterstücken der Schmiede- 
kunst. Aber ihr System ist nicht der Behandlung des Eisens entnommen, 
und so glänzend sie erscheinen, ihre Zeichnung läßt ebensogut auf Stucco, 
auf Sgtafiito, graviertes und getriebenes Metall schließen, und erst zu aller- 
letzt auf Schmiedeeisen. 
Das Prunkvolle behält das französische Gitter zwar bis auf Napoleon 
bei, aber die Schwere des Entwurfes löst sich doch bald, schon bei Lepautre, 
in lichtere Formen auf, deren Herkunft aus gehämmerten Stäben und Platten 
sich zu erkennen gibt. Für repräsentative Zwecke bleibt das Hochformat; 
vorzüglich sind es die Tore mit hohem barocken Aufsatz, welche künstlerische 
Durchbildung erhalten, während das laufende Gitter, mit unübertrefflicher 
Gliederung, sich meist aus hohen Lanzen zusammensetzt. Schon vor Berain, 
namentlich aber seit den Stichen, durch welche er stilumbildend wirkte (um 
1690), verändert es seine Formation, es bekommt einen Sockel und einen 
stark betonten Abschluß, und wird zur Füllung eines architektonisierenden 
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