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Volltext: Monatszeitschrift XIX (1916 / Heft 3 und 4)

Berains vorgenommen wurde. Zumeist wurden zwar diese Übergangsformen 
vom eigentlichen Rokoko rasch verdrängt, aber in Osterreich, zumal in 
Wien, hielten sie sich lange Zeit, und hier nahmen sie jenen Charakter an, 
der für deutsche Monumentalgitter bezeichnend ist: verhältnismäßig ruhige 
Torflügel (deren Füllungen aus gekuppelten Stabpaaren bestehen), darüber 
aber ein Aufbau von riesiger Höhe und wildbewegten Linien, deren Gekräusel 
und plastische Wucht nicht im mindesten mehr an das zahme Bandelwerk 
denken läßt (Schloß Belvedere zum Beispiel). 
Das europäische Rokoko hat seinen Lieblingssitz in Süddeutschland 
(einschließlich Österreich) aufgeschlagen. Hier erst wird der französische 
Keim zur vollen Blüte gebracht und es ergießt sich eine Flut unermeßlicher 
Formenfülle, nie erschöpfter Erfindungskraft über das Land. Die lange auf- 
gestaute Phantasie bricht mit Gewalt ans Tageslicht und erzeugt in allen 
Gauen eine Reihe der größten und herrlichsten Architekten, welche Deutsch- 
land mit unschätzbaren Kunstwerken großen Stiles bedenken. Zum ersten- 
mal tritt es architektonisch an die Spitze aller Nationen; denn der Menge von 
genialen Schloß- und Kirchenbauten des XVIII. jahrhunderts im deutschen 
Gebiet läßt sich nicht die Gesamtheit dessen vergleichen, was im übrigen 
Europa geschaffen wurde. Und wir können es zum Glück sagen, daß der Faden, 
der von einem großen Architekten zum andern führt, seitdem nicht wieder 
in Deutschland abgerissen ist. 
An dieser neu erwachten Schöpferkraft nimmt auch das geschmiedete 
Gitter in vollem Maße teil. Es eignet sich die allgemeine Struktur des 
französischen Gitters an, die architektonischen Rahmen, das Gerüst der 
vertikalen parallelen Stäbe, welche die Füllung bilden, aber es mildert 
sogleich die Herrschaft baulicher Gedanken und umhüllt die führenden 
Linien mit einem Netz von Muschel- und Blattwerk. Und während in Frank- 
reich die steifen Geraden der Leitlinien ihren Zwang auf das Ornament aus- 
geübt und im wesentlichen nur Linienspiele zugelassen hatten, so brach 
umgekehrt in Deutschland das lockere Ornament die Fesseln strenger Bau- 
formen und wandelte sie um zu stark geschweiften, bewegten und gebro- 
chenen Umgrenzungen, deren Form keine andern Schranken gesetzt waren 
als sie die horizontale Grenze des Bodens und die senkrechte der Pfosten 
und Pfeiler bedingten. Dieses souveräne Schalten mit architektonischen 
Gebilden, das wie ein fernes Echo aus dem italienischen I-Iochbarock her- 
überklingt, ist hier durchaus am Platze, da die elastische Konsistenz des 
Eisens sich vortrefflich auf alles Bäumen, Wogen und Freischweben versteht, 
auf dieses Umwerten architektonischer Funktionen zu dekorativem Linien- 
spiel, das in der Erscheinung des Bausteins immer ein wenig Bedrohliches 
an sich hat. Am herrlichsten erscheint die Freiheit und Kühnheit des Gitter- 
werks an den Würzburger Schloßbauten, wo der Hofschlosser Joh. Georg 
Ogg ein glänzendes Seitenstück zu Nancy geschaffen hat. 
Freilich barg das freie Spiel der Phantasie auch die Gefahr der Willkür 
in sich. Nur die großen Meister erhoben sich zu dem freien statischen Gefühl,
	        

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