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Volltext: Monatszeitschrift XIX (1916 / Heft 8 und 9)

Hoetger bietet vielleicht den liebenswürdigsten und überzeugendsten 
"Fall der neueren Ausdruckskunst. Cüpper erfuhr an ihm das umwälzende 
Erlebnis einer neuen Weltanschauung, wie sie mit überwältigender Kraft 
nur die Kunst vermitteln kann. Kein Wunder, daß er von dieser Persönlich- 
keit hingerissen wurde; daß er, durch Leiden doppelt empfänglich gemacht, 
und nach den erschütternden Begebnissen der französischen Front, diese 
Offenbarung mit dem Mut und der Überzeugungstreue idealistischer Jugend 
sogleich in tatkräftigen Kult ummünzte. Nicht der Erwerb von ein paar 
schönen Skulpturen konnte ihn befriedigen; nach einigen Wochen Bekannt- 
schaft mit diesen Sachen war es ihm Bedürfnis geworden, die Gesamtheit 
dessen, was Hoetgcr schuf, als bleibende Sammlung zu vereinigen. So ging 
denn alles, was noch frei war, in seinen Besitz über, und die zukünftigen 
Werke des Meisters werden ihren Weg zu ihm finden, soweit sie nicht auf 
festen Auftrag hin geschaffen worden sind. Und es entstand eine neue Art 
von Museum, die Privatsammlung sämtlicher Werke eines Künstlers: das 
Hoetger-Museum am Cüpperschen Wohnhause in Aachen. 
Es wird wohl kaum an Widerspruch und Tadlern fehlen. Gegengründe 
liegen auf der Hand. Aber nicht um Grund und Gegengrund handelt es sich, 
wo mitten im Kriege, der Deutschland und .seine Verbündeten vernichten 
sollte, ein Kulturwerk von besonderem Reiz entsteht. Daß diese Tat aus dem 
reinsten Idealismus entsprungen ist, daß sie den Willen kundgibt, diese 
Überzeugung mit Opfern und mit dem Einsetzen der ganzen Persönlichkeit 
vor der Welt zu vertreten und für seine Idee zu werben: das macht ihren 
besonderen Wert aus. Man kann ruhig darüber streiten, ob I-Ioetger oder ein 
anderer lebender Meister der Ehre eines Museums würdig wäre (daß Sonder- 
museen von Plastikern nichts Seltenes sind, besagen manche Vorgänger, 
wie Thorwaldsen, Rauch, Schwanthaler, Donndorf und so weiter), und mag 
daraus die Konsequenzen ziehen, daß auch anderen Künstlern von repräsen- 
tativem Wert solche Mäzene erstehen mögen, die aufs Ganze gehen. 
Unbestreitbar aber ist, daß eine solche Tat wie die Cüppers vorbildlich ist 
nach vielen Richtungen hin. Dem Mäzenatentum wird der Weg zur jüngsten 
Kunst gezeigt, der Kunst der Lebenden und Zukunftsreichen; denn altbewährte 
Kunst zu sammeln ist Sache öffentlicher Museen und sicherer Kapitalsanlage. 
Der Mut, sich zu einem führenden Künstler zu bekennen und sein gesamtes 
Werk der Öffentlichkeit zur Kenntnisnahme, zur Begeisterung oder Kritik 
zu unterbreiten, würde uns, allgemein geworden, mit intimen und anregenden 
Sammlungen bereichern. Wie denn auch stets die Sammlungen die reiz- 
vollsten und fruchtbringendsten sind, in denen ein oder zwei Meister über- 
wiegen und auf ihre Arbeiten die größte Sammlerliebe verwendet ist. 
Und schließlich tun uns wohl auch kleine Museen von Originalskulpturen 
not, die mit Geschmack und nach neueren Grundsätzen angelegt sind. Die 
älteren Sondermuseen, etwa von Rauch oder Schwanthaler, leben ein über 
alle Maßen beschauliches Dasein. Wer nicht unbedingt hin muB, meidet diese 
Stätten verstaubter, kalter Pracht, weil man dort nur lieblos hingepflanzte
	        

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