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Volltext: Monatszeitschrift XIX (1916 / Heft 10)

zeigte. Nebenher darf hier vielleicht bemerkt werden, daß das Österreichische 
Museum von Thomire eine Standuhr mit einem Apollo und ein paar Leuchter 
besitzt, daß etliche über die Grenzen Frankreichs gedrungene Arbeiten Odiots 
auf der Breslauer Ausstellung zu sehen waren und daß dieser ein großer 
Verehrer Prud'hons war und selbst zwei Gemälde von dessen Hand sein 
eigen nannte. 
' Das von den drei Künstlern geschaffene Werk, und zwar in seiner 
Gesamtheit, nämlich die Wiege, die an und für sich schon mehr ein Denk- 
mal als ein für den intimen täglichen Gebrauch bestimmtes Gerät ist, noch 
überdies auf Thronstufen und unter einem Thronhimmel, erhärtet wohl wie- 
kaum ein anderes Beispiel die Richtigkeit von Alois Riegls geistvollen Sätzen 
im Kongreß-Werk (Seite 192 f.), die ausführen, daß die Empirekunst bei der 
Dekoration von Innenräumen und bei der Gestaltung von Möbeln vor allem 
darauf ausging, den profanen Zweck der Gegenstände zu verhüllen, diese 
gewissermaßen in eine bessere, höhere Sphäre zu erheben, sie sozusagen 
mit dem Schein von Ewigkeitswerten zu umkleiden. Die mit dem Gebrauchs- 
zweck nicht immer leicht zu vereinende edle Form, die häufigen inneren 
und äußeren Entlehnungen aus einer einseitig groß gesehenen Vergangen- 
heit, "die strenge Sauberkeit der Arbeit, die Verwendung des unverrückbaren 
und unzerstörbaren Metalles und die reiche Vergoldung verdeutlichen sinn- 
fällig dieses Kunstwollen. Prud'hon, ein ungemein malerisch veranlagter 
Künstler, auf den von allen großen Werken der alten und neueren klassischen 
Kunst die Bilder Correggios den nachhaltigsten Eindruck machten, zollt 
doch in seinem Entwurf zur Wiege, was das Streben nach statuarischer 
Monumentalität und die Anwendung von Allegorien, die in der späten 
römischen Kunst wurzeln, anbelangt, seiner Zeit den Zoll. Daß in einer 
Epoche, deren größter Maler, David, den Figuren seiner Bilder Stellungen 
von berühmten Statuen des klassischen Altertums gab, sowohl der Dreifuß 
als auch das Kästchen aus dem Besitz der Kaiserin Maria Luise zur Gänze 
oder in Einzelheiten antike Vorbilder nachahmen, kann nicht wundernehmen. 
Nimmt man all das zusammen, so läßt sich sagen, daß die drei besprochenen 
Gegenstände aus der kaiserlichen Schatzkammer, samt und sonders von 
ausgezeichneten, ja führenden Meistern ihrer Zeit geschaffen, ein zwar eng 
umgrenztes, aber überraschend anschauliches und aufschlußreiches Bild der 
Empirekunst geben. 
Zum Schlusse werden hier die genannten Urkunden mitgeteilt": 
ä Zu Beginn des Jahres 1914 wurden zuerst Herrn Dr. Albert Figdor und dann dem Oberstltämmereramt 
Seiner Majestät des Kaisers drei Dokumente zum Kauf angeboten, die sich auf die Wiege des Herzogs von 
Reichstadt in der Wiener Schatzkammer beziehen: Prud'hons Programm, die Denkschrift Thomires und Odiots 
und des letzteren Zahlungsbestätigung. Wegen des allzu hohen Preises kam ein Ankauf nicht zustande, aber 
der Händler gestattete, daß die Urkunden photographiert wurden. Gegen eine Veröffentlichung, die hier im 
Einverständnis mit dern Oherstkämmererarnt erfolgt, erhob er gleichfalls keinen Einspruch. Die ersten beiden 
Akten sind vollinhaltlich mitgeteilt, vom dritten wurde bereits oben ein Auszug gegeben, Die Orthographie der 
Originale ist beibehalten. 
Die drei Dokumente befanden sich 1911 in der Sammlung Marc Rosenbergs. Vgl. Nr. gg bis 101 in 
Hermann Flamms bereits zitiertem Verzeichnis der Handschriften dieser Sammlung. 1915 sind nach der Angabe 
des Werkes über die Breslauer Ausstellung (Seite 69) alle drei Urkunden verbrannt.
	        

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