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Volltext: Monatszeitschrift II (1899 / Heft 8)

habe ich als „bewusste Selbsttäuschung" definirt. Der Geniessende 
gibt sich der Illusion hin, obwohl er weiss, dass ihr nichts Reales, 
sondern nur ein Symbol zugrunde liegt. Diese Illusion zu erzeugen, 
ist der nächste und unmittelbarste Zweck der Kunst. Sie hat Werte 
zu schaffen, die das Gefühl der bewussten Selbsttäuschung erzeugen. 
Welche Gefühle und Vorstellungen aber soll die Kunst mittheilen? 
Damit kommen wir auf die Frage nach dem Inhalt, und hier ist es, wo 
die Meinungen auseinandergehen. Man kann dabei zwei verschiedene 
Wege, zwei verschiedene Theorien unterscheiden. Die eine bezeichne 
ich als die der Tendenz, die andere als die des Ergänzungsbedürf- 
nisses. Für die Tendenztheorie ist charakteristisch, dass sie der 
Kunst eine bestimmte irgendwie begrenzte Zahl von Gefühlen als 
Inhalt zuweisen will, und zwar mit der Absicht, dadurch den Willen 
des Geniessenden nach einer bestimmten Richtung hin zu beeinflussen. 
Die Ergänzungstheorie dagegen will die Kunst in Bezug auf die von 
ihr darzustellenden und mitzutheilenden Gefühle überhaupt nicht 
beschränken, sondern ihr alle Gefühle freigeben, weil die Kunst das 
Leben ergänzen soll und die Gesammtheit aller Menschen unzählige 
Gefühle zur Ergänzung ihres Wesens nöthig hat. 
Die Tendenztheorie hängt aufs engste mit der Inhaltsästhetik 
zusammen. Eine Ästhetik, die den Inhalt für das Ausschlaggebende 
der ästhetischen Wirkung hält, muss nothwendig zur Tendenztheorie 
führen. Denn sie fordert für die Kunst einen besonderen, sei es „erhe- 
benden", sei es sonstwie lusterregenden Inhalt, und indem sie diesen 
in die unmittelbare künstlerische Wirkung hineinzieht, unterstellt sie 
ihn der bewussten Absicht des Künstlers, muss also auch annehmen, 
der Künstler schaffe nicht, um einen rein künstlerischen Reiz zu 
erzeugen, sondern um mit den Mitteln der Kunst einen bestimmten 
Inhalt zur Anschauung zu bringen, das Gefühl des Geniessenden nach 
einer bestimmten Richtung hin zu beeinflussen. Diese Beeinflussung 
ist aber Tendenz, mag dies Wort auch noch so sehr vermieden und 
die Einwirkung auf den Willen auch noch so weit abgewiesen werden. 
Die Illusionsästhetik leugnet im Gegensatz dazu die Bedeutung 
des Inhaltes für die künstlerische Wirkung oder will sie wenigstens 
im Vergleich mit dem Reiz der Illusion sehr stark eingeschränkt 
wissen. Nach ihr beruht die künstlerische Wirkung nicht in erster 
Linie darauf, dass das Kunstwerk einen bestimmten „schönen" oder 
„erhebenden" Inhalt darstellt, sondern dass es einen - beliebigen - 
Inhalt schön, das heisst wahr, lebendig, intim, also wie Tolstoj sagen 
würde, „ansteckend" darstellt. Demgemäss muss sie auch das Wirken- 
wollen durch den Inhalt, das heisst die Tendenz verwerfen. Sie
	        

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