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Full text: Alte und Moderne Kunst I (1956 / Heft 3)

Erläulerungen zu einzelnen Abbildungen: 
Zu Abbildung 1 und 2: 
Obwohl die Form der Kommode zunächst außergewöhnlich 
erscheint, kann sie dennoch nur im österreichischen, eventuell 
noch im süddeutschen Kulturraum entstanden sein. 
Es ist ein Möbel des Rokoko. Die grundlegende Forderung, die 
der Möbelkünstler dieser Zeit zu berücksichtigen hatte, war die 
nach der weichen Kontur, welche in fließenden Übergängen alle 
Teile des Möbels zu einer geschlossenen Einheit zusammenfassen 
sollte. Wenn wir nun genauer zusehen, oder besser, wenn wir 
uns vorstellen, es würden mit einem Zauberschlag die weichen 
Biegungen der Kanten zu scharf gespannten Geraden erstarren 
und an Stelle der kleinen Volutenfüßc die üblichen „Laberln" 
treten, dann hätten wir tatsächlich eine jener unzähligen Schreib- 
kommoden vor uns, wie man sie in Österreich immer wieder 
antrifft. Es ist denn auch die simplere und einfallslosere Mög- 
lichkeit für den damaligen Tischler diejenige gewesen, den längst 
eingebürgerten Aufbau: dreiladige Kommode und schrägen 
Schreib-Oberteil, beizubehalten und ihn bloß, um dem neuen Stil- 
empfinden zu entsprechen, mit Rokoko-Intarsien und Beschlägen 
zu versehen. 
Der Meister des hier abgebildeten Möbels war konsequenter, 
denn er gab dem ganzen Möbel eine neue Form. Man beachte 
z. B. die untere Kante, bei deren Linienführung es vor allem 
darum geht, die strukturelle Betonung und Trennung zwischen 
Füßen und Zarge zu verwischen, und wie dieses Prinzip mit der 
Notwendigkeit der Lade verbunden und gelöst wird. Ferner fällt 
einem auf, wie den bombierten Wänden und gekrümmten Kanten 
der Kommode der ebenfalls geschwungene und dachförmige 
Oberteil entspricht und wie damit das ganze Möbel einen har- 
monischen Abschluß erhält. Nicht übersehen werden dürfen die 
prächtigen Intarsien und Maserholzfurniere, deren Konturen wie 
eine reiche Paraphrase auf den Umriß des Möbels gezeichnet 
sind, und deren Maserung zu bizarren Masken und anderen For- 
men zusammengesetzt wurden. 
Zu Abbildung 3: 
Was über die in Abb. 1 und 4 gezeigte Kommode hinsichtlich 
des Gesamtaufbaus und der Umrißgestaltung festgestellt wurde, 
gilt im besonderen Maße für das hier abgebildete Möbel. Die 
Rokoko-Tendenz zur geschlossenen Kontur verbindet sich mit 
einem anderen Merkmal dieses Stils: der Freude am Bizarre-n 
und am originellen Einfall. Zweifellos wird aber hier des Guten 
etwas zu viel getan. Die Formprinzipien des Rokoko sind über 
die Grenze einer harmonischen und dezenten Auslegung hinaus 
befolgt worden. Doch gibt gerade dieser Umstand dem Möbel 
auch wieder seinen Wert. Es ist aufschlußreich, ein Erzeugnis 
kennen zu lernen, das so ungeniert und extrem mit den For- 
derungen eines Zeitstils ernst macht. Allerdings deutet diese 
Folgerichtigkeit in der bewegten Urnrißgestaltung eher auf eine 
Herkunft aus der Provinz, vielleicht auch aus Süddeutschland, 
als aus Wien, wo man stets mehr Zurückhaltung übte. 
Das Amüsante an den Sesseln ist die Verbindung zweier Stile 
in der Form und im Dekor. Die Lehnen sind noch ganz dem 
Rokoko verpflichtet, das sich auch in den bescheidenen Rocaillen 
dokumentiert. Die Ausführung der Füße sowie der Mehrzahl der 
Ornamente (Maschen, Girlanden und Zöpfe) folgen den stilisti- 
schen Bestimmungen des Frühklassizismus der josefinischcn Ära. 
Zu Abbildung 4: 
Frankreich war um die Mitte des 18. Jahrhunderts in allen Fra- 
gen der Innendekoration und der Möbelkunst unbestritten ton- 
angebend. Die dort erfundenen Formen und der Luxus, der mit 
kostbaren Hölzern, virtuosen Intarsien und reichen Bronze- 
beschlagen getrieben wurde, fand in anderen Ländern bereit- 
 
Abb. 2. Rokokoschrcibkommode. Höhe: 120 cm; Tiefe  
stärkster Ausladung): G2 cm; Breite: 138 cm; Nuß- und Nuß- 
maserholz; Adern: Zweischkc und Ahorn; Kanten: Zwetschke 
und Nuß; Körper: größtenteils Weichholz. Um 1750. 
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