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Volltext: Monatszeitschrift XX (1917 / Heft 3, 4 und 5)

vielfach verklausulierten und kühlen Anerkennungen der zeitgenössischen Fachkritik als 
das richtigere erwiesen und ist trotz der in den letzten Iahrzehnten vielfach lautgewor- 
denen säuerlichen Einschränkungen von gelehrter Seite bei den wahrhaft Gebildeten 
immer noch gültig. 
Heyses Auffassung wurde zunächst von dem Geographen Spruner geteilt: an ihm 
habe Burckhardt, heißt es in demselben Briefe, „einen sehr hitzigen Bewunderer gefunden": 
„das ist ein schweres Buch", habe er einmal übers andere gerufen. Nun waren sowohl 
I-leyse, der ein gelernter Romanist war und auch einen Band „romanischer Inedita" heraus- 
gegeben hat, ebenso wie Spruner immerhin Leute, die vom gelehrten Handwerk etwas 
verstanden haben; indes werden aber diejenigen nicht ganz unrecht haben, die sie als 
Dilettanten nicht zu den berufensten Beurteilern des Werkes zählen werden; uns ist aber 
dies wieder ein Beweis, daß für den eigentlichen Wert und das wahrhaft Dauerhafte, das 
in einem Buche steckt, in der Regel nicht die gelehrte Fachkritik den feinsten Geruch 
besitzt - in der Regel: Ausnahmen wollen wir natürlich nicht bestreiten, wie es ja auch 
heute sehr gelehrte Fachmänner gibt - so Karl Neumann, Walter Götz, Brandi - die das 
Heysesche Urteil mit unwesentlichen Einschränkungen höchstwahrscheinlich auch heute 
noch gelten lassen werden; wenigstens haben sie in den oben erwähnten Chor der Ver- 
kleinerer niemals eingestimmt. Ganz besonders aus unserer Seele heraus gesprochen ist, 
was Heyse - und damit stand er wohl lange Zeit allein _ über die Form des Buches 
sagt: „leichtschenklich, rasch, mit Lichtern sparsam" - wir meinen, daß das, was uns 
heute an dem Stil Burckhardts entzückt, nicht besser ausgedrückt werden kann. Burck- 
hardt selbst war mit dem Buche, wie das ja fast jedem Künstler mit seinem Werke so geht, 
durchaus nicht zufrieden. Bald nachdem es erschienen war, kam Heyses „Italienisches 
Liederbuch" mit einer Widmung an den Freund nach Basel und nun war die Freude an 
diesem: „Das Büchlein", schreibt er am 16. November 1860, „habe ich heute in meinem 
erschütterten Gemüth an manchen Stellen angelesen und bin einstweilen schon deshalb 
betroffen, weil ich sehe, wie viel mir noch fehlt, um die wahre Signatur des italienischen 
Geistes zu kennen. Mir ist, ich müßte jetzt viele Stellen meines Buches ausmerzen und 
umschreiben; ich muß blind gewesen sein, um die ganz spezielle Verschmelzung von 
Geist und Leidenschaft nirgends in meinen bisherigen Studien so zu erkennen, wie 
diese Liedersammlung so handgreiflich olTenbart. Aber da schreibe einmal Einer Cultur- 
geschichte, wenn man keinen Menschen um sich hat, der Einen aufrüttelt und in die 
Ohren kneiü. . . Was ich Gutes habe, das habe ich doch am ehesten von Kugler, der 
auch in vielen Gebieten, wo er nur Dilettant war, die Ahnung aller wesentlichen Interessen 
hatte und zu wecken verstand. Mein Gott, wie genügsam sind selbst die meisten großen 
Specialgelehrten im Vergleich mit ihm! Ein panoramatischer Blick wie der seinige war, 
würde sie freilich nur stören und ihnen ihre Sorte von Arbeit verleiden. Und was er 
für ein Specialgelehrter in seinen eigentlichen Fächern war, das belieben sie zu ignorieren. 
Genug von Sollichen! Sie werden es meinem Buch ebenso machen und ich und mein 
Verleger sind darauf gerüstet. Billige Leute von einigem ,Grütz' werden vielleicht dafür 
zugeben, daß dieses Buch aus innerer Notwendigkeit geschrieben werden mußte, auch 
wenn die Welt keine Notiz davon nimmt." 
Franz Kugler war am I8. März 1858 im Alter von nur 50 Jahren gestorben und 
hatte sowohl die dritte Auflage seines Handbuches der Kunstgeschichte (erste Auflage 
1841), von der bloß der erste Band (1856) erschienen war, wie eine neue, groß angelegte 
Geschichte der Baukunst unvollendet zurückgelassen. l-leyse, der Schwiegersohn des 
Verstorbenen, hätte nun ebenso wie dessen Verleger Ebner sehr gern gesehen, wenn 
Burckhardt, der schon die Umarbeitung der zweiten Auflage des Handbuches besorgt 
hatte, die Fortsetzung und Vollendung dieser Werke auf sich genommen hätte. Schon am 
28. März 1858 schrieb er ihm in diesem Sinne. Burckhardt lehnte zuerst entschieden ab: 
„Alles erwogen, kann ich dieArbeiten ganz unmöglich übernehmen." Sollte sich gar niemand 
anderer dazu finden - er denkt, „wenn Lübke nicht will", an Springer oder Eggers (Heraus- 
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