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Volltext: Monatszeitschrift XX (1917 / Heft 6, 7 und 8)

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sich ihre Spuren verfolgen. Keinen anderen Richter, keinen anderen Führer 
wollten die Menschen gelten lassen als das lebendige Gefühl. Es rein zu 
erhalten und vor der „alten Schwiegermutter Weisheit" zu behüten, war 
ihre vornehmste Sorge. Mit einem magischen Flor umzogen sie die 
Wirklichkeit, und als Ideal menschlicher Glückseligkeit schwebte ihnen das 
unschuldige Lebensalter vor, wo das trunkene Herz, von süßen Ahnungen 
befiügelt und mit heiteren Bildern erfüllt, in den Blütenhainen einer regel- 
losen Phantasie schwelgt, wo wir, jedem Eindruck in frohem Taumel 
hingegeben, an Erfahrung Kinder, an Genuß Götter sind, wo selbst der 
Kummer noch süß ist. 
Diesem „Blüthenalter der Empfindung", wie es Sophie Brentano 
genannt und entzückend beschrieben hat, wollte man Wirklichkeit und 
Dauer geben, um so 
zu einem reineren 
Lebensgenuß, zum 
„Tempel der Glück- 
seligkeit" zu gelan- 
gen. Wie eine zarte 
Blüte wurde die un- 
entweihte Empfin- 
dung gehegt und 
gepiiegt. Um ihrer 
holden Stimme zu 
lauschen, suchte man 
die Einsamkeit des 
A _ Landlebens auf, wo 
Abb. x. Täte-a-tete mit Hammenden Herzen als Tassen, Berlin um r775 (im __ 
Teezimmer des Potsdamer Stadlschlosses) derstrom von Duften: 
die die Luft durch- 
Fluten, das unverdorbene Herz in holde Träume wiegt und der Morgen- 
gesang der Lerche und das Abendlied der Nachtigall es in süße Entzückungen 
taucht. Der liebenswürdige Graf Shaftesbury wurde der Philosoph dieser 
rosenfarbenen Empfindsamkeit. In Klopstocks Oden, in Matthissons und 
Salis' Naturschwärmereien erhielt sie ihre dichterische, in den Kom- 
positionen von Himmel ihre musikalische Prägung. Der eigentliche 
Schauplatz ihrer Triumphe aber war das Märchenreich aller freundschaft- 
lichen und zärtlichen Beziehungen, die mit leichten Blumeuketten die 
beiden Geschlechter verbinden. Nie sind die Frauen zarter geliebt worden. 
Nie ist das Sichiinden suchender Seelen und das Liebesglück seliger Stunden 
von reinerer, duftigerer Poesie umhaucht gewesen. Nie haben denn auch die 
bildenden Künste einen innigeren und sinnigeren Ausdruck für alles, was die 
Herzen bewegte, gefunden. Auf Rührung und Veredlung schien alles künst- 
lerische Schaffen eingestellt zu sein. 
Die „empfindsame Tasse" ist ein besonders liebenswürdiges Beispiel 
dieser der Deutung zarter Gefühle gewidmeten Kunst. Wie so viele andere 

	        

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