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Full text: Monatszeitschrift XXI (1918 / Heft 3 und 4)

Gerhards Gruppe wirkt 
geschlossener, ein- 
heitlicher. In der un- 
ruhigen, eckigen, aber 
schwungvollen Füh- 
rung der Umrißlinien, 
dem mannigfaltigen 
Spiel der Lichter auf 
den vielfach gebro- 
chenen und gewun- 
denen Flächen äußert 
sich sein malerisch 
empiindendes nordi- 
sches Temperament, 
während auf den Aus- 
druck der Gemütsbe- 
wegung in den Ge- 
sichtszügen des Mi- 
chael hier wie sonst 
weniger Wert gelegt 
ist. Die Psychologie 
des Barockstils liegt 
ihm noch fern. Das 
Gewand ist so ange- 
ordnet, daß die Körper- 
formen und namentlich 
die Funktionen der 
Gelenke, zum Beispiel 
lder Kniee, deutlich 
Sichtbar werden, Als Abb. 17. nimm Gerhard, Holzgeschnitzte Pietä in der Michaelskirche zu 
dekoratives Schau- Manch" 
stück auch heute noch von starker Wirkung, muß Gerhards St. Michael 
„eine der bezeichnendsten und wertvollsten Leistungen der am Münchner 
Hof begünstigten internationalen Spätrenaissance" (Dehio) genannt werden. 
Einen ganz anderen Charakter weist seiner praktischen Bestimmung 
gemäß der Engel mit dem Weihwasserbecken auf (Abb. 8). In gerader 
Haltung und völliger Frontalstellung, regungslos wie eine Karyatide, steht 
er da, den Blick geradeaus gerichtet. Nur die eleganten, nervös auf dem 
schwarzen Marmorbecken spielenden Finger verraten inneres Leben?! Die 
leicht aufgestülpte Nase verleiht dem Gesicht einen rokokoartigen Typus, 
der auch sonst in dieser Zeit nicht selten ist. Ruhig fließen die Falten an 
der hohen Gestalt herab, deren Proportionen, wohl in Rücksicht auf den 
"F Diese Finger und der Umstand, daß die Flügel angenietet sind, haben wohl zu der Legende Ver- 
anlassung gegeben, daß der Engel ehemals eine heilige Cäcilie gewesen sei. - Höhe der Figur 1'8c Meter.
	        

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