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Volltext: Monatszeitschrift XXI (1918 / Heft 3 und 4)

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kleine, zart ovale Kopf sitzt auf einem langen, kräftigen Hals, dessen Begren- 
zung mit der Wange fast eine Kurve bildet, eine für Gerhards Stilempfinden 
bezeichnende Sonderbarkeit. In dem kleinen Gesicht sind die einzelnen Teile 
groß gebildet. Die ziemlich starke und lange Nase ist an der Spitze wenig 
abgestumpft; die Seitenansicht bietet kein reines griechisches Profil. Auch 
die groß wirkenden Augen mit der malerisch behandelten Iris, die vollen, 
leicht geschwungenen Lippen wird man unschwer bei Gerhards anderen 
Frauengestalten wiedererkennen. Das gewellte Haar fällt aufgelöst wie bei 
der Bavaria auf Schultern und Rücken lang herab. Dies nach deutscher 
Sitte offen und unverhüllt getragene I-Iaupthaar verleiht der Madonna einen 
intimen nordischen Zug, der in einem gewissen Gegensatze zu den welschen 
Formen steht; denn eine Gottesmutter mit unverschleiertem Haar wäre 
südlich der Alpen kaum möglich?" Wie die rechte Hand mit lässig- 
eleganter Biegung im Gelenk das Zepter hält, der Kopf sich leicht zur 
Seite neigt, das ist ganz ähnlich bei den Engeln zu sehen. Aucli das Kind 
gleicht in seiner natürlichen Gelenkigkeit durchaus einem Bambino süd- 
lichen Gepräges. Überall sind die Körperformen und die Gelenke unter 
der eng anliegenden Gewandung herauszuspüren, so namentlich am 
rechten Knie, wo sich eine charakteristische herausspringende Staufalte 
gebildet hat. Die feingliedrigen Finger und Zehen mit den platten, kurzen 
Nägeln entsprechen gleichfalls denen der anderen Frauen. Für die Be- 
urteilung der beabsichtigten künstlerischen Wirkung ist die Konstatierung 
wichtig, daß die Statue nicht als Zentrum eines Platzes gedacht war, 
sondern ursprünglich - nachweisbar schon 1613"" - auf dem I-Iauptaltar 
der Frauenkirche stand. Sie ist nur auf die Vorderansicht hin gearbeitet 
und war auch nicht auf die starke Untenansicht berechnet, der sie jetzt 
ausgesetzt ist. , 
Die Münchner Forschung hat für die Marienstatue und die anderen 
Gußwerke der Zeit nach 1600 nur die Namen Candid und Hans Krumper 
bereit. Candid haben wir schon als Plastiker abgelehntfif Mit mehr Berech- 
tigung konnte man bisher Krumpers Namen nennen. Hat er doch in jungen 
Jahren unter Gerhard in der Michaelskirche gearbeitetT und diesem seine 
"k Die Krone, zum mindesten der obere Teil, in dem sich eine Reliquienltapsel befinden soll, dürfte eine 
Zutat aus der Zeit der Errichtung um 1638 sein. 
i" Anton Mayer, Die ,.Domkirche in München", Seite m7 h. 
"i" Hier sei noch auf die geringe Beweiskraft eines zweiten Argumentes hingewiesen, das für Candids 
plastische Tätigkeit ins Feld geführt wird, nämlich die angebliche Ateliergemeinschaft mit Krumper. Eine 
unbefangene Interpretation der betreffenden Rechnungsnoüz, die besagt, daß „von abbrech- und wider aufsezung 
öfen in des Khrumpers und P. Candido werckstazt fl. B Xr. 23" ausgegeben wurden (Ree, a. a. 0., Seite 87), wird 
zu dem Ergebnis kommen, daß es sich ebensogut um zwei getrennte Werkstätten handeln kann; übrigens würde 
ja auch die Gemeinsamkeit der Werkstatt nicht ein Zusammenarbeiten bedingen. Gemeint ist offenbar die 
"Possirstube" Krumpers, die 1612 beim Neubau der Residenz errichtet wurde und die in den folgenden Jahren 
oft erwähnt wird. Vgl. Nagler, "Künstlerlexikon", XV, Seite 460. 
i- Hans Krumper von Weilbeim und Georg Müller sind 1587 "Jungen" bei Gerhard: „Anzeiger für Kunde 
der deutschen Vorzeit", tB7o, Seite 366; vgl. auch Gmelin, „Die Michaelskirche", Bamberg rage, Seite 67, und 
„Münchner Jahrbuch für bildende Kunst", 19m, Seite gr, Anmerkung 64. Nach einem Aufenthalt in Italien (um 
1590) zunächst von Herzog Wilhelm als "Privatarchitekt und Kunstintendant" beschäftigt, wurde er 160g als 
Hofbildhauer von Maximilian angestellt. Als solcher entwickelte er eine rege Betriebsamkeit auf den verschieden- 
artigsten Gebieten. Er ist als Architekt tätig. bossiert für den Erzguß, fertigt Kleinplastiken in Wachs an, malt
	        

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