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Volltext: Monatszeitschrift XXI (1918 / Heft 3 und 4)

Rubens-Buch ein Thema seiner Jugendschrift „Kunstwerke der belgischen Städte" oder 
in den Aufsätzen seiner letzten Jahre zur italienischen Kunstgeschichte einzelne Fäden 
des „Cicerone" wieder aufzunehmen scheint, so ist das eben nur Schein; es ist ein 
ganz neuer Standpunkt, von dem er aus den alten Vorwürfen gegenübertritt, es sind neue 
Augen, mit denen er sie ansieht. ' 
Es ist gewill, daß durch diese seine Behandlungsart in seine Kunstschriftstellerei 
ebenso wie in seine Geschichtsbetrachtung ein dilettantischer Zug kam, den er ja auch 
selbst wiederholt zugegeben und hervorgehoben hat. Aber freilich ist es ein Dilettantismus 
im höchsten Sinn, im Sinne eines Leonardo, eines Montaigne oder Goethes. Dieser Dilettan- 
tistnus schließt die Fähigkeit einer fortwährend geistigen und gemütlichen Umwandlung, 
Erneuerung, Verjüngung einf Die Geister dieser Art werden nie müde, zu schauen, zu 
lernen, zu verstehen; in ihnen versteinert und vermodert nichts. In der Tat, wenn man 
die „Erinnerungen an Rubens" liest, so wird man mit C. Neumann" nicht genug über 
das leidenschaftliche Schönheitsgefühl staunen können, welches „wie Jugendglut in den 
Sinnen und in der Seele des greisen Burckhardt loderte". 
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Was man „wissenschaftliche Leistungen" nennt, pflegen auf diese Weise nicht zu 
entstehen. Burckhardt hat denn auch solche fast nur in seiner Lehrzeit geliefert; da zeigte 
er, daß er so gut wie ein anderer angehender Privatdozent grundgelehrte Monographien 
zu klittern verstand: wir erinnern hier nur an seine Aufsätze über die Schweizer 
Kathedralen (1838), über die vorgotischen Kirchen am Niederrhein (1843), die Kirche zu 
Otmarsheim im Elsaß (1844). Aber sein erstes Buch „Die Kunstwerke der belgischen Städte" 
(1842) werden gestrenge Kritiker schon geringschätzig als „Feuilletonismus" brandmarken 
können, es ist ein Wanderbuch mit eingestreuten kunstgeschichtlichen Exkursen. Dann 
kam die Mitarbeiterschaft an den großen Werken seines Lehrers Franz Kugler, der zweiten 
Auflage der „Geschichte der Malerei" (1847), der zweiten und dritten Auflage des „Hand- 
buches der Kunstgeschichte" (1848 und 1856). Diese nötigte ihn zu einer systematischen 
Durcharbeitung besonders der neueren Kunstgeschichte, er hatte sich der Kuglerschen Art 
anzubequemen, mit seiner eigentlichen Persönlichkeit zurückzutreten. Wenigstens aus dem 
„I-Iandbuch" lassen sich wohl seine Zusätze meist glatt „herausschälen", aber er ließ doch 
die Ansichten Kuglers auch dort, wo er nicht mit ihnen einverstanden war, im großen und 
ganzen bestehen (so zum Beispiel dessen überschwengliche Schätzung Correggios).'"" 
Der „Cicerone", der zwischen die beiden letzten Umarbeitungen fällt (1855), will nichts 
anderes sein als ein Führer durch die Kunstschätze Italiens und eine „Anleitung zu ihrem 
Genuß", nur daß dabei eine Menge eigener Ansichten des Verfassers hervortreten; es ist ein 
viel subjektiveres Buch als Reiseführer sonst zu sein pflegen, und schließt sich insofern an 
die „Kunstwerke der belgischen Städte" an. Die späteren Aufsätze über das Altarbild, das 
italienische Porträt und die Sammler könnten allenfalls als eine Rückkehr zu den mono- 
graphischen Arbeiten seiner Frühzeit angesehen werden, aber er läßt sich hier viel mehr 
gehen; es sind doch mehr Essays in der Art der Franzosen, subjektive Betrachtungen 
über Erscheinungen der Kunstgeschichte als gelehrte Abhandlungen darüber. Vollends 
das Rubens-Buch ist viel mehr ein Dokument für seine eigene Art als für die des Rubens, 
obwohl sich darin gewiß auch viele wertvolle objektive Beobachtungen über dessen Kunst 
finden. Und so bleibt denn ein einziges Werk, das man als ein in erster Linie wissen- 
schaftliches bezeichnen darf: „Die Geschichte der Renaissance in Italien" (1867), bekanntlich 
eine Darstellung der italienischen Baukunst in dieser Periode; es ist, von den oben ange- 
führten Erstlingsarbeiten abgesehen, das unpersönlichste Buch Burckhardts, eine syste- 
' „Le dilettantisrne devient alors une science delicate de la metamorphose intellectuelle et sentimentale." 
Bourget, „Essais de psychologie contemporaine", I, 60 (über Emest Renan). 
"f In seiner Anzeige dieses Buches in den „Preußischen Jahrbüchern", 1898, Seite 313 u. f. 
i" Siehe Philippi, „Begriß der Renaissance" (1912), Seite 134 u. f.
	        

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