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Full text: Monatszeitschrift XXI (1918 / Heft 8, 9 und 10)

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zahl heben zu wollen, ist ein allzu bequemes Verfahren. Es müßte ja folge- 
richtig zur Aufhebung der Anstalt führen, was unmöglich der Sinn ihrer 
Gründung gewesen sein kann. Die Erwerbsschwierigkeiten der Absolventen 
sind vielmehr dadurch zu beheben, daß die Schüler zu einer größeren Zahl 
von Erwerbsmöglichkeiten und zu vollkommener praktischer Brauchbarkeit 
in den besonderen Fächern ihres Studiums erzogen werden. Das geht nicht 
ohne Werkstättenarbeit und diese verlangt räumliche Ausdehnungsmög- 
lichkeit. 
Die Erwerbsschwierigkeiten der Absolventen der Kunstgewerbeschule 
betreffend, die von Gegnern der Anstalt so gerne betont werden, wird 
übrigens folgende Erwägung statthaft sein: Der Kunstgewerbeschüler ist 
von dem Augenblick an, da er die Anstalt verläßt, vollkommen auf sich 
selbst angewiesen. Nur wenige sind so glücklich, Meistersöhne zu sein und 
ihre Studien in klarem Hinblick auf die künftige Geschäftsübernahme 
betreiben zu können. Um sich selbständig zu machen, fehlt den meisten das 
nötige Kapital. In bestehenden Betrieben unterzukommen, haben aber gerade 
die besten, reifsten und - charaktervollsten Absolventen am wenigsten Aus- 
sicht, da diese Betriebe in ihrer Mehrzahl ja doch von merkantilen und nicht 
von Qualitätsrücksichten beherrscht werden. Gönner tindet der junge Kunst- 
gewerbler viel seltener als der junge Maler oder Bildhauer. Gemeinnützige 
Einrichtungen zur Verwertung kunsthandwerklicher Erzeugnisse fehlen. Erst 
die Verkaufsstelle des Österreichischen Werkbundes hat in letzter Zeit dies- 
bezüglich dankenswert eingegriffen. Stellen wir uns nun vor, es würden für 
die Absolventen der Universitäten und technischen Hochschulen nicht die 
vielen öffentlichen und privaten Anstellungsmöglichkeiten offen stehen, 
sondern sie alle wären genötigt, als Privatgelehrte und Erfinder und Ent- 
decker ihr Brot zu verdienen. Wie stünde es um ihre Erwerbsfähigkeit? 
Ob angesichts der gegenwärtigen Zeitlage noch zu hoffen ist, daß die 
Zukunft der Kunstgewerbeschule die reicheren Lebensbedingungen bieten 
werde, die ihr die Vergangenheit vorenthalten hat, scheint ungewiß. Wir 
stehen vor grundlegenden Umgestaltungen unseres ganzen öffentlichen 
und wirtschaftlichen Lebens. Wer wollte heute sagen, ob eine noch so 
gründlich und systematisch ausgebaute Kunstgewerbeschule unter den 
neuen Verhältnissen noch Sinn und Berechtigung haben werde, ob diese 
nicht ganz andere Formen des Lehrens und Lernens hervorbringen werden? 
Mag ebensowohl sein, daß die neue Zeit unser Wirken erst recht betätigen 
und enthüllen wird, daß die Kunstgewerbeschule unbewußt die Vorstufe 
jener Arbeitsschule der Zukunft war, von der weitausblickende Pädagogen 
sprechen. Sei dem wie immer. Eines lehrt die fünfzigjährige Arbeit, die wir 
überschaut haben, gewiß: Sie hat, wie ich gezeigt habe, nicht besonders 
glücklich eingesetzt und ist unter ungünstigen Bedingungen fortgesetzt 
worden. Und doch hat unsere Schule eine reiche Zahl tüchtiger, ja manche 
hervorragende Menschen erzogen. Ein Künstler höchsten Ranges: Gustav 
Klimt, ist ihr entsprossen. Arm und bedrängt war sie zeitlebens und doch
	        

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